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Vietnams „Bookpeople“ – Flucht aus dem Bildungssystem

Mehr als zwei Jahrzehnte nachdem der Exodus vietnamesischer Boatpeople seinen Höhepunkt erreichte, zeichnet sich nun eine neue Welle der Auswanderung ab. Steigende Zahlen von Vietnamesen im studienfähigen Alter suchen ihre akademische Ausbildung im Ausland. Diese neuen Auswanderer kann man als „Bookpeople“ bezeichnen, deren Ziel es ist hochwertige Abschlüsse von amerikanischen, britischen oder australischen Hochschulen zu erhalten. Die Mehrheit von ihnen bleibt nach dem Abschluss in ihrem Gastgeberland, das ihnen hochbezahlte Jobs anbietet, die ihren Fähigkeiten entsprechen. Dieser Brain-Drain ließe sich durch regionales Wachstum hochwertiger Industriezweige und kontinuierlicher Verbesserungen von Universitäten in Vietnam eindämmen. Diese Strategie könnte auch als Fahrplan für andere Länder dienen, die von einer ähnlichen Abwanderung betroffen sind.

viet students

Allerdings wird der Exodus in Vietnam durch ein Schulsystem gefördert, bei dem nicht Leistung zählt, sondern weitverbreitete Betrügereien Alltag sind. Aber auch gebetsmühlenartiges Auswendiglernen und die Pflicht leninistische Ideologie als Unterrichtsfach anzusetzen, treibt die vietnamesische Mittelklasse zur Flucht ins Ausland.

Nach unabhängigen Beobachtungen geben statistisch gesehen alle Eltern zusammen mehr als $1 Mrd. für ihre Kinder aus, um sie auf Schulen oder Universitäten ins Ausland zu schicken.

Der Anteil von Schülern und Studenten aus Vietnam in den USA ist zwischen dem Jahr 2000 und 2014 von 2 066 auf 16 579 gestiegen. Etwa 33% davon studieren Wirtschaftsfächer. Laut ICEF Monitor befinden sich ca. 125 000 Schüler und Studenten im Ausland, was für ein kommunistisches Land eine signifikante Zahl ist, da traditionell nur die Elite Zugang zu ausländischer Bildung hatte.

Der Anteil gemessen an den 17 Mio. Schülern in Vietnam mag nur ein Bruchteil sein, jedoch wächst der Teil der Auslandsschüler jährlich weiter. Alleine im Jahr 2013 nahm die Abwanderung um 13% zu.

Nguyen Thi Thu, Beamtin, verkaufte ihren Familienbesitz, um die hunderte von tausend Dollar für die Gebühren ihrer beiden Söhne aufzubringen, die nun in Großbritannien zur Schule gehen. Sie konnte früher oft nicht zur Arbeit erscheinen, als die Kinder auf eine staatliche Schule in Hanoi gingen, da sie ihre beiden Kinder zusätzlich zur privaten Nachhilfe brachte, welche von staatlichen Lehrern mit schlechter Bezahlung durchgeführt wurden.

„Ich musste meine Kinder aus diesem Bildungssystem rausholen, welches nur aus Druck und Betrügereien besteht. Einmal fragte mich mein Sohn, warum er nie die beste Note erhielt, obwohl er doch viel besser als sein Freund sei. Ich konnte es ihm nicht erklären, dass die Mutter seines Freundes der Lehrerin einfach mehr Geld bezahlte“, erklärte sie.

Der ehemalige vietnamesische Bildungsminister Pham Min Hac mahnte bezüglich des Bildungssystems: „Die Hochschulbildung ist so schlecht, die Textbücher sind voll mit unbrauchbaren überflüssigen Theorien.“

Trotz der Zunahme von Menschen mit Bildungshunger, die das Land verlassen, können sich die meisten Familien mit einem durchschnittlichen Prokopfeinkommen von ca. $1 500 keine ausländischen Schulen oder Universitäten leisten.

Obwohl Vietnam im PISA Test gegenüber westlichen Staaten relativ gut in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften abschneidet, warnen vietnamesische Vertreter, dass die Testergebnisse keine akkuraten Qualitätsmerkmale über das gesamte Bildungssystem vermitteln, wo eine Zentralregierung Reformen verhindert.
 
Gegenüber der Tageszeitung Tuoi Tre äußerte sich Nguyen Vinh Hien aus dem Bildungsministerium: „Wir müssen uns ehrlich eingestehen und bestätigen, wenn man es richtig bewerte, so haben vietnamesische Schüler noch ein sehr schlechtes Auffassungsvermögen.

Nach mehr als vier Jahrzehnten seit Ende des Vietnamkrieges, müssen vietnamesische Politiker das Bildungssystem grundlegend reformieren, denn Kritiker sagen, es arbeite immer noch als Werbeinstrument für die Kommunistische Partei und bringe keine Fachkräfte hervor.

Die Behörden haben ein System des starren Auswendiglernens am Leben erhalten, wodurch Informationen zum Bestehen von Prüfungen eingetrichtert werden sollen und die Gehorsamkeit gegenüber der Obrigkeit keine kritische Denkweise zulässt. Schüler lernen aus veralteten Büchern, Betrügereien während der Prüfungen sind zur Routine geworden, während unterbezahlte Lehrer wegschauen.

Während der jährlichen Abschlussprüfungen der Oberschule erhält das Bildungsministerium immer wieder massive Beschwerden, aufgrund von Betrügereien der Schüler.

Im Sommer 2014 veröffentlichte Do Viet Khoa, ein in Vietnam sehr bekannter Lehrer und Aktivist, auf seiner Facebook Seite ein Video einer Oberschule in der nördlichen Provinz Hoa Binh. Es zeigte Schüler während einer Prüfung des Fachs Literatur und Geschichte beim gegenseitigen Abschreiben.

Khoa berichtete gegenüber der staatlichen Nachrichtenseite VietnamNet, dass das Aufsichtspersonal umgehend die Prüfungsräume verließ, damit die Schüler von vorbereiteten Dokumenten abschreiben und untereinander die Lösungen diskutieren konnten.

Solche Videos sind in Vietnam schon zum Alltag geworden und verbreiten sich schnell im Internet und bereiten Eltern zunehmende Sorgen, doch der Staat unternimmt nichts dagegen. Das Resultat dieser Missstände ist, dass die staatlichen Schulen und Universitäten keine Absolventen hervorbringen, welche Unternehmen einstellen würden. Nach offiziellen Angaben fanden im Jahr 2015 ca. 147 000 Absolventen keine Arbeitsstelle.

Der ehemalige vietnamesische Bildungsminister Pham Min Hac machte das Schulsystem verantwortlich und schimpfte: „Diese Absolventen erfüllen nicht die Ansprüche des Arbeitsmarktes, stattdessen werden Mitarbeiter für Führungspositionen oft aus Ländern, wie Korea, China und den USA importiert.“

Es gibt nur sehr wenige private Schulen in Vietnam für wohlhabende Menschen, die von hervorragender Qualität sind und den Ausweg aus dem gestörten staatlichen Bildungssystem bieten Nguyen Quang Thinh, Geschäftsmann, hat zwei Söhne, die Schulen in den USA besuchen. Die jährliche Gebühr beläuft sich auf $40 000.
 
„Sie haben sich sehr verändert, ihre Gedanken, ihre Lebensweise, ihre Art und ihr Verhalten, sowie ihre Ansichten“, sagte Thinh über seine Söhne.

Lu Thi Hong Nham, Leiterin der Beratungsagentur für Bildung im Ausland „Duc Anh“ erklärte: „Viele Schüler bzw. Studenten hatten die Nase voll innerhalb ihres Landes zu lernen, aber im Ausland erzielen sie gute Leistungen.“

Der angesehene Bildungsexperte Pham Toan warnte, solange das kommunistische Vietnam das Bildungssystem nicht von Fachleuten gestalten lasse, sondern von Politikern, so wird sich nichts verändern.

„Sie können nichts tun, solange Bildung eine Angelegenheit des Gremiums der kommunistischen Partei ist. Ich bin über das System ziemlich verbittert“, sagte Pham Toan in Bezug auf ein Dokument aus dem Jahr 2013, das eine allumfassende Erneuerung des Bildungssystems propagierte, jedoch ohne spezifische Änderungen.


Quellen:
http://www.dailymail.co.uk/wires/afp/article-2919749/Vietnams-creaking-education-pushes-students-overseas.html
http://thediplomat.com/2015/10/vietnams-book-people/