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Die politische Gleichgültigkeit der vietnamesischen Jugend (Teil 1)


VON YEN DUONG, NEW NARATIF

Duong ist bereit sich mit uns in einem Café im Zentrum Hanois an einem schwülen Donnerstagabend zu treffen. Der Ort ist einer der besten, um sich hier an Wochenenden aufzuhalten – ein Café von tausenden in der vietnamesischen Hautstadt, wo der Mangel an Rückzugsorten und öffentlichen Plätzen für Geschäftsideen gesorgt hat.

In der Woche arbeitet Duong täglich acht Stunden an einer großen Universität und es gibt in ihrem Alltag kaum Abwechslung: Zur Arbeit pendeln, nach Hause kommen, schlafen, waschen und am nächsten Tag wieder von vorn.

Am Morgen schrieb sie noch eine Beamtenprüfung. Die Hürden sind hoch, eine Anstellung im Staatsapparat ist vergleichbar mit einem Glückslos, eine Jobsicherheit für das restliche Berufsleben. Aber Duong scheint nicht beunruhigt zu sein, sie weiß, dass sie die Prüfung bestehen wird.

Ein Index, der die Performance von Regierungsarbeit und öffentlicher Verwaltung widerspiegelt, zeigt für die Daten aus 2016, dass Vetternwirtschaft und Korruption innerhalb Vietnams öffentlichen Sektor ein „systematisches Problem“ ist. Persönliche Beziehungen und Bestechungen sind unerlässlich, für jene, die eine Karriere im Staatsdienst verfolgen.

Solche Eingangstests werden von jungen Vietnamesen, wie Duong, eher als Formalität und nicht Herausforderung betrachtet. Wohlstand, höhere Bildung, Beziehungen und feste Karrieren: Das sind die Dinge, die die Mehrheit der vietnamesischen Mittelklasse definieren. Und Duong, die als Kind in eine privilegierte Familie hineingeboren wurde, hat all diese Dinge. Ihr Entschluss Staatsdiener zu werden ist der gleiche Grund, warum sie in der Universität arbeitet: Sie hätte sich keine einfachere, schnellere oder bessere Alternative vorstellen können.

Solche Privilegien erzeugen ganz leicht Gleichgültigkeit. „Wenn alles einem schon vor die Füße gelegt wird, dann denkst du nicht wirklich, was morgen sein wird“, sagt Duong.

pol gleichgueltigkeit


Gleichgültigkeit als Krankheit

Nach Angaben einer Schätzung der Vereinten Nation (UN) aus dem Jahr 2015 ist die Hälfte der vietnamesischen Bevölkerung unter dem Alter von 30, d.h. die Generation Y (Menschen, die kurz vor oder nach dem Jahr 2000 geboren sind) haben das Potential eine treibende Kraft zu sein, die Veränderungen in ihrem Land herbeiführen kann. Der Kommunistische Jugendverband, die größte Jugendorganisation des Landes, versucht aktiv die Ideale der Kommunistischen Partei Vietnam an die Jugend zu verbreiten, doch für die Anführer der Jungkommunisten wird es zunehmend schwieriger Kontakt mit einer Generation herzustellen, die sich mit Internet, Facebook, Smartphones und all den darauf befindlichen Ablenkungen wohlfühlt.

Fachleute berichten, dass Kampagnen, die junge Leute ermuntern und motivieren sollten an öffentlichen Aktivitäten teilzunehmen zu starr waren. Trotz vieler Versuche die Generation Y zu mobilisieren, erscheint diese Gruppe politisch gleichgültig.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2015 von Transparency International (TI) gaben von 1110 Vietnamesen im Alter zwischen 15 und 30 an, dass 75% keine oder kaum Informationen zu Antikorruptionsinitiativen hätten. Von den Jugendlichen, die über eine Ausbildung verfügen, waren 45% der Meinung, dass Enthüllungen über korruptes Verhalten zwecklos seien und machten sich Sorgen über das Untersuchungsergebnis von TI, das Vietnam im Index zur Wahrnehmung von Korruption aus dem Jahr 2016 ziemlich weit hinten listet.

Die Gleichgültigkeit und Ignoranz geht über die Probleme mit Korruption hinaus: Studien haben ergeben, dass die jungen Vietnamesen der Mittelschicht größere Interessen im Konsum, an Freizeitaktivitäten und dem Erhalt oder das Erreichen eines sozialen Status haben, als in Politik.

Die wissenschaftliche Ausarbeitung „Professional Middle Class Youth in Post-Reform Vietnam: Identity,. Continuity and Change“ beschreibt, dass die vietnamesische Mittelschicht, die sich in der letzten Hälfte der 1980er Jahre bildete, denen anderer Länder gleiche. Besonders in den Bereichen und der Orientierung von Konsum und der Aspiration für die persönliche Entwicklung und der beruflichen Karriere. Dennoch hat diese Generation enge Bindung zum vietnamesischen Staat. Mit ihren Privilegien und materiellen Vorteilen sind sie mit dem politischen Status quo verbunden, eine junge vietnamesische Mittelschicht, die dazu neigt ihre Charakterzüge einer jungen Mittelklasse auszustellen ohne ein Gefühl politischer Identität oder Teilhabe zu zeigen.

Duong bestätigt, dass sie weder eine Idee über die politische Struktur in Vietnam habe, noch irgendwas über die Staatslenker wüsste. Für sie ist die Wahl eines örtlichen Regierungsmitglieds nichts mehr als eine Übung einer beliebigen Auswahl von unbekannten Gesichtern.

„Wenn man das Privileg hat nicht darüber nachzudenken, dann machst du das auch nicht.“

Sie sagt auch, dass sie sich nicht für grassierende Korruption, lokalen Streitereien um Grundstücke, wichtigen Veranstaltungen, wie den APEC Gipfel oder selbst für internationale Themen, wie Donald Trump (dessen Name sie schon mal gehört hat, aber nicht weiß wer das ist) und seine polarisierende Präsidentschaft interessiere.

„Warum muss ich mir darüber Gedanken machen? Wenn man einmal das Privileg hat nicht darüber nachzudenken, dann machst du das auch nicht.“

Es ist nicht nur Duong die so denkt, ihre Kollegen an der Universität – viele die sich als Vollzeitprofessor ausbilden lassen – denken genauso. „Wir sind uns den Schlagzeilen auf Facebook oder in den Nachrichten bewusst, aber das sind nur Themen der Klatschpresse. Diese Themen verlassen schneller deinen Kopf, wenn es noch andere Sachen gibt, die zu besprechen sind… außerdem gibt es so vieles was ablenkt.“


Protestieren über Facebook

Hoang Duc Minh war 18, als er die Leitung eines Programms übernahm, das sich mit den Ursachen des Klimawandels auseinandersetzt. Später gründete er Wake it Up, ein Startup, mit dem Ziel Menschen zu sozialen Aktivitäten zu ermutigen. So war er an der Kampagne zur Rettung von 6700 Bäumen in Hanoi beteiligt, die die Regierung fällen wollte. Viele Menschen gingen auf die Straße, um die historischen Bäume zu erhalten.

„Die Teilnahme an sozialen Aktivitäten geschieht nicht nur aus Interesse, sondern es ist auch eine Möglichkeit meine persönlichen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Das wichtigste ist, dass man Stimmen findet, die laut genug sind, um etwas zusammen zu organisieren“, erklärt Minh.

Die Aktion hat das hohe Potential der öffentlichen Mobilmachung in soziale Medien gezeigt.

Wie in vielen anderen Ländern sind soziale Medien, wie Facebook zur Hauptinformationsquelle der Generation Y in Vietnam geworden. Nach Angaben von Reuters gehört Vietnam mit 52 Mio. aktiven Benutzerkonten zu den Top-Ten bei Facebook. Die Popularität des Netzwerks hat sich als so instrumental für das Mitwirken sozialen Wandels gezeigt, dass das Informations- und Kommunikationsministerium bereits Facebook, Google und YouTube aufforderte „giftige“ Inhalte zu entfernen oder zu blockieren. Google kam dem Wunsch teilweise entgegen und blockierte 1500 von 2000 Videos, die die vietnamesische Regierung entfernt haben wollte.

Wie Wake it Up, sind viele soziale Initiativen durch Nichtregierungsorganisationen ins Leben gerufen worden, wie z.B. Live and Learn, ISEE und Viet Pride, die per Facebook die Generation Y erreichen.

Der Anstieg sozialer Medien hat jungen Menschen in Vietnam eine Plattform geschaffen in der sie sich Gehör verschaffen können in einem Vakuum, das ihnen ansonsten wenig Raum dafür bietet.

Die Themen sind vielfältig, einige handeln von Umweltproblemen und dem Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren. Andere Dinge, wie Korruption, Gender, Grundrechte und Redefreiheit haben noch nicht die ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen; ein Zeichen, dass einige Themen als zu politisch angesehen werden und deshalb wesentlich heikler sind als andere.

Aber das Risiko des virtuellen Aktivismus ist der unbemerkte Rückzug aus politischen und sozialen Bewegungen und der Verkauf an vermarktete Onlinemedien Events.
 

Quelle:
https://newnaratif.com/journalism/the-political-apathy-of-vietnamese-youth/