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Unser Little Saigon: Teil 3 - Aufgeteilte Gemeinde



Aufgeteilte Gemeinde
 
Heute sieht Danhs Apotheke wie ein altmodischer Drogerieladen aus.

Aber Anfang der 90er Jahre hat das Tomorrow’s Pharmacist Magazin sie als „die ungewöhnlichste Apotheke der Vereinigten Staaten“ genannt.   

Zweimal die Woche hielt ein Air France-Sattelzug vor der Tür um Pakete nach Vietnam aufzuladen. Die Pakete enthielten alles Mögliche von Tabak über Toaster und Babypillen bis hin zu Fahrradsätteln.       

Danh Quach schätzt, dass er monatlich vier Tonnen an Waren über eine Vereinbarung, welche einem U.S.-Flüchtling erlaubte 400 US-Dollar pro Monat als humanitäre Hilfe an Familie und Freunde in Vietnam zu versenden, verschifft hat. 

Er war nicht der Einzige. 

Nach Angaben der Vietnamesischen Handelskammer in Orange County nutzte bis 1988 die Hälfte aller Geschäfte in Little Saigon diese Versandroute zwischen Orange County und Vietnam.

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Ansässige Politiker verdammten allerdings diese Lieferungen. Der Großteil der Lieferungen würde gegen das US-Handelsembargo, welches Versandgut auf Nahrung, Kleidung und Medizin beschränkte, verstoßen.  

Geschäfte versendeten Motorräder, Kettensägen, Generatoren, Pflüge, Ackerfräse, Wasserpumpen und Pestizidsprüher die Bolsa Avenue rauf und runter.

„Ich bin einfach verblüfft! Es ist eine gigantische, unterirdische Wirtschaft“, stellte US-Abgeordneter von Garden Grove, Robert Dornan, fest. „Ich hätte nie gedacht, dass die Vietnamesen das Embargo überlisten würden, indem sie Außenbordmotoren nach Hanoi schickten.“     

Das Versenden von Geschenken spaltete die vietnamesische Gesellschaft. Für die einen war das aus persönlichen Gründen, für die anderen aus politischen.

„Wie können wir uns entspannen, wenn wir wissen, dass unsere Blutsverwandten hungern?“ sagte Mai Cong, die damalige Präsidentin des Vietnamese Community Center of Orange County in 1988. „Wir müssen helfen.“

Doch standhafte Anti-Kommunisten verweigerten jegliche Hilfe für das kommunistisch-regierte Land. Der Gedanke vom Handel mit Vietnam wurde zunehmend kontrovers – sogar tödlich.         

In 1986 wurde auf den Westminster Immobilienhändler Van Khanh vor seinem Büro zweimal geschossen nachdem er sich für die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen mit Vietnam ausgesprochen hatte.

Ein Jahr später wurde Tap Van Pham, Journalist in Garden Grove, auf seiner Arbeit ermordet. Er hatte Werbung für eine Firma gemacht, die in Verdacht gewesen war mit der vietnamesischen Regierung in Verbindung zu stehen.

Gründungsverleger Yen Ngoc Do von Nguoi Viet Daily News in Little Saigon sowie der Redakteur von Little Saigons Viet Press, A Tu Nguyen, bekamen Morddrohungen. Aus diesem Grund bewahrte Letzterer ein halbautomatisches M16-Gewehr, eine Pistole Kaliber 45 und einen Revolver Kaliber 38 in seinem Büro in Westminster auf.  

Auch nachdem die USA ihre Handelssperre mit Vietnam im Februar 1994 aufgehoben hatten, hielten die Drohungen weiterhin an. 

An dem Oktober führte Dr. Co Pham, zu dem Zeitpunkt Präsident der Amerikanisch-Vietnamesischen Handelskammer, eine 27-köpfige Delegation nach Vietnam mit der Hoffnung eine Handelsbeziehung eröffnen zu können – eine legale Handelsbeziehung.

Kritiker nannten ihn einen „Kommunistenclown“ und einen Größenwahnsinnigen, der die Gemeinde schadete. Während seiner Abwesenheit versammelten sich über 1000 Anti-Hanoi-Demonstranten in Washington, D.C. und riefen Slogans gegen ihn aus. Bei seiner Rückkehr schlugen Protestierende auf seinen Wagen ein und demonstrierten vor seinem Büro. 

Unter ihnen war ein Mann, der Flyers zu einem Forum, in dem über die Vorteile des Handels mit Vietnam diskutiert wurde, verteilte.

Damals kannte niemand seinen Namen. Dies änderte sich schlagartig als Truong Van Tran fünf Jahre später die kommunistische Flagge und ein Portrait Ho Chi Minhs in seiner Hi-Tek Videothek auf der Bolsa Avenue aufhing. Damit löste er die größte Unruhe, die Little Saigon bis dahin gesehen hatte, aus – und 53 Tage des Protests auf den Straßen.    


Die Zündschnur wird angezündet

Little Saigon hatte immer Kritik von außerhalb überstanden. Doch die 90er-Jahre brachten einen internen Konflikt hervor, welcher Little Saigons Entschlossenheit wie nie zuvor auf die Probe stellen würde.   

Tony Lams Erwählung 1992 ermöglichte viele neue Möglichkeiten. Die Polizei von Westminster besaß allerdings immer noch eine Liste von 837 örtlichen Gangmitgliedern. Unternehmer Co Pham, der den Handel befürwortete, musste in der Öffentlichkeit immer noch eine kugelsichere Weste tragen. Und da war auch noch die Geschichte mit der Harmony Bridge.   

Bauunternehmer Frank Jao beabsichtigte 1995 eine unzäunte Fußgängerbrücke über der Bolsa Avenue zu bauen, welche seine Asian Garden Mall mit seinem Asian Village Einkaufszentrum verbinden würde. Dieses drei Millionen Dollar Projekt nannte er Harmony Bridge. Doch anstatt Harmonie brachte es nur Unfriede und Streit.

Gegner beklagten, dass das pagodenartige Dach der Brücke und die Verzierung mit roten Drachen „zu chinesisch“ wären. Auch gefiel ihnen nicht, dass Jao das Wort „Asian“ in Asian Garden Mall und Asian Village verwendete anstatt „Vietnamese Garden Mall“ und „Vietnamese Village“.    

„Wir wollen nicht, dass unser geliebtes Little Saigon sich in ein Chinatown verwandelt“, sagte Gemeindeaktivistin Mai Cong.

Die Aufregung stieg an bis Jao seine Pläne verwarf. Doch diese Debatte zeigte eine Leitfrage auf, die bis heute besteht: Soll Little Saigon auf traditionelle Vietnamesen ausgerichtet sein? Oder soll seine Attraktivität für junge Vietnamesen und Nicht-Vietnamesen ausgebaut werden?       

In den späten 90er Jahren stand ein Wandel bevor. Bald würde eine neue Generation die Führungsrolle übernehmen. 

Es begann alles am 17. Januar 1999, als Videothekbesitzer Truong Van Tran ein Bild von Ho Chi Minh ans Fenster hing und damit die Menschen herausforderte, ihn zum Entfernen des Bildes zu zwingen.

„Das war das Streichholz, das die Zündschnur anzündete“, sagt Nathan Ha, Hochschulabsolvent des Faches „Vietnamese-American“ und Verfasser der Abschlussarbeit „Business and Politics in Little Saigon, California“ an der Rice University.

„Die Leute sagten: ‚Wir haben alles verloren. Wir haben unser Land verlassen. Wir sind hier angekommen. Wir haben eine völlig neue Gemeinschaft aufgebaut. Wir haben sie Saigon genannt und haben diese verlorene Stadt wieder zum Leben erweckt. Es ist jetzt 20 Jahre her und jetzt hält dieser Kerl dieses Bild vor unser Gesicht und tut so, als wäre alles wieder OK mit Vietnam?‘“ 

Was dann folgte, war das größte Schauspiel des Vietnamese-American-Zorns, was jemals in den Straßen der USA stattgefunden hatte. 

53 Tage lang tobten die Demonstranten. Sie schrien, spuckten auf Bildnisse von Ho Chi Minh,

erstürmten Barrikaden, die zum Schutz von Trans Laden aufgebaut gewesen waren.  Einige bauten unechte Särge und andere schworen sich selbst anzuzünden.

Diese Feindseligkeit wäre schon seit Jahren am Brodeln gewesen behauptet Andrew Lam, Autor von „Perfume Dreams“. 

„Es wird nicht ins Detail gegangen, denn was sie wirklich meinen, wenn sie ihre Wut herausschreien, ist:

‚Meine Frau wurde auf dem Weg hierher getötet.‘ 

‚Mein Sohn wurde ins Umerziehungslager gesteckt und kam nie wieder heraus.‘

‚Sie nahmen mir mein Haus weg und ich musste auf der Straße leben.‘

Dies alles wird mit ‚nieder mit dem Kommunismus!‘ ausgedrückt.“

So sahen die meisten Nicht-Vietnamesen die Proteste: als eine weitere Anti-Kommunismus-Demonstration.

Protestführer hingegen gestalteten die Demos nicht mit Bezug auf die Misshandlungen in der Vergangenheit. Viel mehr werden die fortsetzenden Menschenrechtsverletzungen in Vietnam verurteilt.

Diese neue Botschaft fand sogar bei der zweiten Generation Widerhall. Mitglieder der jungen Generation veranstalteten nach 53 Tagen eine Kerzenmahnwache, welche 15.000 Menschen auf die Straßen lockte.

„Tag für Tag kamen die Generationen zusammen“, erinnert sich UCLA Professor Quyen Di Chuc Bui aus Garden Grove, 68, der jeden Tag vorbei kam und beim Moderieren der Mahnwache unterstützte.

In dieser letzten Nacht sah er ein Menschenmeer jeden Alters. „Ich fühlte, dass alle zu einem Gesamten wurden und dass wir Macht hatten“, sagt der Poet und Autor. „Macht nicht entstanden durch die Waffe – sondern durch den Geist, durch das Herz. Ich fühlte solch eine Freude.“

Die Verantwortung für Little Saigons Zukunft wurde praktisch über Nacht auf die nächste Generation übertragen. Diese Weitergabe würde die nächste Generation auch dazu nutzen nach Veränderungen für die Zukunft zu suchen.

„Es verwandelte Little Saigon von einer verschlafenden Gemeinschaft, in der nur auf materielle Erfolge geachtet wurde, zu einer Gemeinschaft, die politisch aktiv wurde“, sagt Nho Trong Nguyen, ein pensionierter Richter des obersten Gerichts aus La Habra, der auch an den Protesten teilgenommen hat.

„Danach sahen wir eine neue Welle von Menschen, die in die Politik ging.“

Ironischerweise hielt Little Saigons prominentester vietnamesischer Politiker, Tony Lam, auf Rat von dem Staatsanwalt klaren Abstand zu den Protesten. So kam es, dass Protestierende sein Restaurant umlagerten und ihn einen Kommunisten-Sympathisanten nannten. Er verteidigte sich gegen seine Kritiker, gab über 100.000 US-Dollar für Anwaltskosten aus, klagte auf Vermögensschäden und seelischen Schmerz. Am Ende verkaufte er sein Restaurant und zog sich aus der Politik zurück.   

„Er musste eine große Niederlage einstecken“, sagte sein Freund Mike Heusser zu jener Zeit. „Es hat ihn fast umgebracht.“

Für andere hingegen waren die Hi-Tek-Proteste ein Sprungbrett.

„Durch den Hi-Tek-Vorfall wurde der Gemeinschaft bewusst, dass sie eine wahre politische Stimme benötigte“, würde ein gewisser Anwalt, der als Mittelsmann während der Demos fungierte, sagen.

Sein Name war Van Tran. Und er würde eine neue Generation von Politikern, die dabei war sich in Little Saigon zu erheben, anführen. 


Eine kleine Reportage über vietnamesische Boat People in Little Saigon (englisch)