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Unser Little Saigon: Teil 4 - Der Wandel


Der Wandel

In der Nacht des 10. Februars dieses Jahres versammelte sich eine kleine Menschenmenge vor dem Rathaus von Garden Grove um ihrem jungen Bürgermeister Bao Nguyen entgegenzutreten.

„Nieder mit Bao Nguyen!“ schrie sie und verlangte seinen Rücktritt. 

„Kommunist!“ brüllte der Mob und beleidigte seine Eltern.

Sein Vergehen?

Entgegen der Tradition der Politiker in Little Saigon hat er nicht jede Gelegenheit genutzt um den Kommunismus zu bekämpfen. Amerikanische Vietnamesen höheren Alters hatten vom Stadtrat die Forderung nach dem Beenden der Partnerstadt-Beziehung zwischen Riverside und Can Tho, Vietnam, verlangt.  

Der 34-jährige Nguyen lehnte ab.

„Ich denke nicht, dass es angebracht ist einer anderen amerikanischen Stadt zu sagen, was sie zu tun hat“, sagte er.

Sein Widerstand ist bis heute eines der klarsten Sinnbilder für den Generationswechsel in Little Saigon. 

Seit fast einem Viertel Jahrhundert nach dem Eintreffen in den USA, hatten die Einwanderer von Little Saigon nur eine untergeordnete Rolle in der amerikanischen Politik gespielt.

Dies änderte sich im Jahre 2000, ein Jahr nach den Hi-Tek-Protesten, als der Anwalt Van Tran sich einen Sitz im Stadtrat von Garden Grove sichern konnte. Noch nie hatte ein Kandidat so viele Wählerstimmen in der Stadthistorie erhalten. 

Little Saigon erwachte aus seinem politischen Schlaf.

Mit dem Spitznamen „Golden Boy“ trat Tran 2004 in das Unterhaus ein. Und plötzlich hatte Little Saigon eine politische Stimme jenseits seiner Grenzen.  

Im selben Jahr machte sich ein anderer Anwohner Little Saigons auf sich aufmerksam. Als Janet Nguyen und ihre Familie 1981 als Bootsflüchtlinge ankamen – damals war Janet gerade mal 5 Jahre alt – erhielten sie Essensmarken.  

Sie trat dem Stadtrat von Garden Grove im Jahre 2004 bei. Drei Jahre später gewann sie mit nur einer Mehrheit von drei Wahlstimmen und wurde zur ersten amerikanischen Vietnamesin im Aufsichtsrat von Orange County.  Sie stieg weiter auf und gehörte 2014 dem Senat von Kalifornien an. Sie ist Little Saigons erfolgreichste Politikerin in den letzten 40 Jahren.

„Ich war im Grunde genommen das Kind, das nichts besaß, und ging in die Stadt, arbeitete hart und habe den amerikanischen Traum verwirklicht“, sagt sie.

Seit den Hi-Tek-Protesten hat Little Saigon 11 amerikanisch-vietnamesische Mitglieder des Stadtrates, zwei Bezirks-Aufsichtsräte, einen Abgeordneten und eine Staatssenatorin erwählt bzw.  beim Erwählen unterstützt.  

Innerhalb von 15 Jahren haben sie rechtmäßigen, politischen Einfluss erlangt. Aber sie sind nicht alle der gleichen Ansicht. So vertritt Bao einen Standpunkt, der dem der älteren Generation widerspricht.

Ein weiterer Generationsbruch ereignete sich letztes Jahr, als eine Gruppe junger Amerikaner vietnamesischer Herkunft das Tet-Fest von Little Saigon, wo es seit vielen Jahren stattgefunden hatte, zu den Orange County Festplätzen in Costa Mesa verschob. Dieses Jahr gab es jeweils eine Tet-Feier in Little Saigon und Costa Mesa am selben Wochenende. Letztere hatte nicht nur mehr zu bieten, sondern auch mehr Gäste.      

„Die zweite Generation wird erwachsen und hat ihren eigenen Kopf“, sagt Linda Trinh Vo, Lehrbeauftragte in der Asian-American-Wissenschaft an der UC Irvine.    

Little Saigon habe gut für seine erste Generation gesorgt, stellt Jeff Brody fest, Professor der Kommunikation, der an der California State University, Fullerton die amerikanisch-vietnamesische Erfahrung liest. Die Akkulturation der zweiten Generation habe auch zur Folge, dass mehr Menschen Little Saigon verlassen.  

Dies trifft Little Saigon mitten ins Herz. Das Thema, welches beide Generationen verbindet, trennt sie auch.

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Die Zeichen der Zeit

Neulich wurde in der Bolsa Avenue eine kleine Zeremonie abgehalten. Westminsters Bürgermeister Tri Ta hielt eine Rede. Ein Bauarbeiter in einem Bagger enthüllte ein Straßenschild. Die Menge jubelte. 

Die Stimmung war wie in einer Kleinstadt.

Doch was sich am Morgen des 20. Februars abspielte, stellte die Zukunft Little Saigons da.

Für Außenstehende ist Little Saigon ein Ort, an dem es die Nudelsuppe Pho gibt. Für diejenigen jedoch, die diesen Ort aufgebaut haben, ist er heiliger Boden, ein Zeugnis dafür, dass das Land, welches vor dem 30. April 1975 existierte – ihr Vaterland - immer noch lebendig ist.  

Menschen, die zuvor ihr Zuhause, ihre Familien und ihre Würde verloren hatten, kamen 1975 in Little Saigon an, um all dies zurückzuholen. Es ist der Platz, wo Menschen bereit waren Toiletten zu schrubben, an der Tankstelle zu arbeiten oder Teller zu waschen, um ihr Leben zu verbessern. 

Aus diesem Grund protestierten dieselben Menschen 53 Tage lang gegen ein Foto von Ho Chi Minh in 1999. Es war der Grund, warum sie das Bildnis Ho Chi Minhs verbrannten, anspuckten und anschrien. Es ist der gleiche Grund, warum sie immer noch darauf bestehen, dass die südvietnamesische Flagge gehisst wird, warum sie immer noch gegen Verstöße gegen Menschenrechte in Vietnam protestieren.

Sie haben aus nichts eine neue Heimat aufgebaut.

Dank ihrer Aufopferungen ist Orange County das Zuhause von ungefähr 189.000 amerikanischen Vietnamesen. Drei von vier Schülern der La Quinta High in Westminster sind amerikanische Vietnamesen, der höchste Prozentsatz von allen U.S.-Schulen. Zwei amerikanische Vietnamesen sitzen im Stadtrat von Westminster und drei weitere, die die Mehrheit darstellen, sitzen im Stadtrat von Garden Grove.  

Little Saigon ist jedoch auch ein Ort des Wandels.

„Viele begabte amerikanische Vietnamesen würden lieber nichts mit der Politik ihrer Community zu tun haben und nie nach Little Saigon zurückkehren“, sagt der Autor Andrew Lam. „Aus ihnen wurden Ärzte, Anwälte, Erfinder – aber sie kehren nicht zurück. Wer möchte schon an seine Wut gebunden sein?"

Heute leben nur 45% der amerikanischen Vietnamesen des Countys in Westminster und Garden Grove.  Die Mehrheit ist weggezogen.

Die Kinder und die Enkelkinder von den Erbauern haben eine andere, weniger zornige Zukunft im Blick. Für sie ist der 30. April 1975 etwas, was sie in der Schule gelernt haben. 

„Das passierte in der Vergangenheit meiner Familie“, meint die 13-jährige Elizabeth Trinh, die selten mit ihrem Vater Dung und ihrem Großvater Hung, die 1975 geflüchtet sind, über Saigons Untergang spricht.  „Es ist so, als würde ich mir einen Film anschauen während es für sie ihre wirkliche Vergangenheit ist.“ 

Allerdings gestehen die meisten ein, dass amerikanische Vietnamesen nicht mehr länger im Exil leben. Sie haben ein Zuhause. Und es ist hier.

„Vor 40 Jahren haben die Vietnamesen den Namen Saigon verloren und ein neues Kapitel, in dem Vietnamesen zu Flüchtlingen auf der ganzen Welt werden würden, wurde aufgeschlagen.“

Dies sagte Bürgermeister Ta am 20. Februar zu der kleinen Menge während ein Bauarbeiter den Namen des neuen Straßenschilds aufdeckte.

Einige weinten. Einige schrien „Freiheit! Freiheit! Freiheit!“.

„Little“ Saigon? Nein, nicht dieses Schild.

Es trägt den Namen „Saigon“. 


Journalist Tom Berg hat diesen Artikel geschrieben. Berichtet wurde er von Berg selbst, Roxana Kopetman und Chris Haire. Ian Wheeler, Margot Roosevelt und Martin Wisckol haben mitgewirkt.  
 

Bürgermeister Tri Ta spricht über die wachsende Wirtschaft in Westminster




Quelle:
Auf Basis des Originals „How they became us”, OC Register 2015 
http://www.ocregister.com/articles/vietnamese-659290-saigon-little.html