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Der Reisgott

Vor langer, langer Zeit ernährten sich die Menschen nur von Wurzeln und wilden Früchten. Hunger und Not herrschten überall, zumal sich die Erdbewohner ständig vermehrten.

Es gab oft lange Perioden, in denen es wenig zu essen gab. Wenn noch ein Jahr Dürre kam, dann wurde die Lage für die Menschen katastrophal.

Zu jener Zeit lebte in einem Dorf ein junges Ehepaar. Der Mann sah jeden Tag, wie seine geliebte Frau schwächer und schwächer wurde.
"Wir können doch  nicht warten, bis wir verhungern", dachte der Mann. "Lass uns von hier weggehen. Vielleicht finden wir irgendwo anders etwas zu essen."

Sie zogen umher, bis sie eines Tages aus Erschöpfung nicht mehr gehen konnten.

"Unsere letzte Stunde ist gekommen", dachten sie. In dem Moment landete eine Vogelschar nicht weit von ihnen entfernt und fing an, gelbe Körner aufzupicken.

Eine Idee kam der Frau: "Wir sollten vielleicht auch die Körner probieren? Wenn sie gut für die Vögel sind, sind sie sicherlich auch gut für uns. Wenn sie giftig sind, dann beenden wir damit unser Elend."

Gesagt, getan: Sie pflückten einige Körner und aßen sie.

Es war Reis. Noch nie hatten sie etwas so Schmackhaftes und Nahrhaftes gegessen. Im Nu ging es ihnen besser: Ihre Haut verlor die Falten; ihre Gesichter waren nicht mehr hager. Sie fühlten sich stärker.

Sie kamen zum Dorf zurück und brachten die Körner mit. Die Menschen säten sie und der Reis wuchs. Bald verschwand der Hunger auf der Erde.

Damals waren die Reiskörner größer als zu unserer Zeit. Sie waren ein Geschenk der Götter, die Mitleid mit den Menschen hatten. Der Mensch brauchte die Samen nur zu säen. Sie mussten aber ihre Häuser sauber halten.

Wenn der Reis reif geworden war, kam er allein ins Haus: Der Mensch brauchte nur ein Seil vom Reisfeld bis ins Haus zu legen, damit der Reis den Weg finden konnte.

Es geschah, dass eine Frau zu faul war, ihr Haus rechtzeitig zu fegen.

Als der Reis vom Feld kam, empfing sie ihn sehr unfreundlich. Sie stand noch an der Tür, einen Besen in der Hand, und war zornig, als sie den ankommenden Reis sah: "Was machst du denn hier? Warte gefälligst, bis ich mit dem Fegen fertig bin."

Ganz ruhig rollte der Reis weiter und wollte ins Haus hinein. Die Frau gab ihm einen Schlag mit dem Besen.

Das hätte sie nie tun dürfen! In dem Moment, als der Besen den weißen Reis berührte, explodierte er aus Scham in tausend kleine Stückchen.

Es war nun zu spät für ein Bedauern!

Von da an warteten die Menschen vergeblich, dass der Reis von selbst ins Haus kam.

Sie mussten nun den Reis pflanzen, ihn pflegen, ihn mit Wasser und ihrem Schweiß bewässern. Aber trotzdem bekamen sie nur winzige Reiskörner.

Wenn der Regen ausfiel, starben die kleinen zarten Pflänzchen und der Hunger herrschte über die Menschheit.

Noch einmal bekam der himmlische Kaiser Mitleid mit den Menschen und schickte ihnen den Reisschutzgeist, den alten Lua.

Der Schutzgeist Lua lehrte die Menschen, wie sie den Reis säen, wie die jungen Sprossen wieder verpflanzt werden müssen, wie Reisfelder mit System zu bewässern sind.

Er war gutherzig und geduldig. Dennoch kam er wegen seines hohen Alters manchmal auf komische Einfälle.

In normaler Zeit ging er durch die Felder von morgens bis abends und passte auf, dass alles in Ordnung blieb.

Wenn der Mensch den kleinen, alten, in Lumpen gekleideten Mann sahen, der die Felder inspizierte und vor sich hin murmelte, sagten sie sich: "Die Ernte wird gut werden. Es wird genug Reis für alle geben, weil Lua sich um die Felder kümmert."

Aber wehe, wenn Lua seine Launen hatte: Er betrank sich, sang und schrie laut, fiel um. Es war immer ein schlechtes Zeichen. Die Bauern steckten die Köpfe zusammen und murmelten leise: "Lua hat wieder nur Dummheiten im Kopf. Unsere Felder sind ihm egal."

Sie umkreisten ihn und versuchten, ihm zu gefallen. Sie gaben ihm Geschenke, bestachen ihn in der Hoffnung, dass er zur Raison käme. Die meiste Zeit kam Lua auch zur Vernunft. Frieden und Ruhe herrschten dann wieder im Herzen der Menschen und auf der Erde.

Jeder kann heutzutage Lua in den Feldern sehen, nicht als alten Mann, sondern in Gestalt einer jungen Pflanze, die den Namen Lua trägt.


Bilder von Juliane K.

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