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Der Tiger und der Büffel

 

oder wie der Tiger zu seinen Streifen kam


Vietnamesische Märchen/Mythen

Es war damals, zu einer Zeit, als die Tiere noch sprechen konnten.

Es kam ein Tag, an dem der Tiger, Herr des Dschungels, an einem Reisfeld spazierenging. Er sah den Bauern beim Pflügen, mit seinem Büffel.
Der Tiger war verblüfft und traute seinen Augen nicht: Wie? Wie kann dieses erbärmliche Geschöpf auf zwei Pfoten, ohne Krallen und ohne Fangzähne, nur einen kleinen dünnen Zweig aus Bambus in der Hand, den starken und riesigen Büffel nach seinem Willen hin und her lenken?

"Das ist nicht in Ordnung", sagte sich der Tiger. Da er unbedingt wissen wollte, was dort vor sich ging, versteckte er sich im hohen Gras und beobachtete das Geschehen.

Als die Sonne am höchsten Punkt stand, befreite der Mensch den Büffel vom Joch und schickte ihn zum Grasen auf die Wiese. Dann setzte der Mann sich hin und begann, seinen Mittagsproviant auszupacken.
Der Tiger wartete, bis der Büffel ganz nah herankam, und flüsterte ihm zu: "Komm hierher zu mir, kleiner Bruder, und erkläre mir, wie es kommt, dass du, ein so starkes Tier, diesem zu nichts nützlichen Schwächling gehorchst."
Der Büffel roch den Tiger, bekam Angst, aber kam trotzdem näher, um eine Antwort geben zu können.
"Das ist so, großer Herrscher unter den Tieren! Der Mensch ist vielleicht äußerlich schwach, aber er benutzt eine gefährliche Waffe, das Gehirn. Diese Waffe erlaubt dem Menschen, allen anderen Wesen, auch wenn sie stärker und größer sind, zu befehlen. Ich kann dir nur raten, schnell zu fliehen, bevor es zu spät für dich ist."

"Das fehlt noch", brummte der Tiger. "Fliehen? Ich? Jetzt, wo ich weiß, woher die Stärke des Menschen kommt? Niemals.
Ich bin nicht so feige und dumm wie du, Büffel! Ich werde den Menschen zwingen, mir seine Waffe zu geben. Dann werde ich das mächtigste Geschöpf der gesamten Erde sein."


Der Tiger sprang aus seinem Versteck heraus und stürzte sich auf den Menschen, der glaubte, dass seine letzte Stunde geschlagen habe.
Das Raubtier begnügte sich nur damit, ihn umzustoßen. Es brüllte ihm zu: "Mensch! Ich habe gehört, dass du eine tolle Waffe besitzt, die Gehirn genannt wird. Stimmt es? Wenn ja, gib sie mir auf der Stelle. Danach gebe ich dir die Ehre, von mir verschlungen zu werden."

Der Mensch kämpfte gegen seine Angst und antwortete ganz ruhig:
"Mächtiger König der Tiere! Es würde für mich eine Ehre sein, Ihnen mein Gehirn zu schenken. Aber Sie müssen etwas Geduld haben. Es ist selbstverständlich, dass ich eine solche wunderbare und kostbare Waffe nicht immer mitnehmen kann. Sie liegt versteckt bei mir zu Hause. Ich muss also zum Dorf gehen und sie holen."


Dieser Vorschlag gefiel dem Tiger gar nicht. Aber was konnte er tun? Wenn er das Gehirn haben wollte, und das wollte er unbedingt, musste er ihn annehmen. Jedoch erklärte er, dass er mit zum Dorf gehen wollte, um sicher zu sein, dass der Mensch unterwegs seine Meinung nicht änderte.

"Wie Sie wollen", antwortete der Mensch. "Aber ich muss Sie dringend davor warnen, dass Dorfbewohner Sie dann mit Steinen, Stöcken und Speeren empfangen werden und Sie dabei töten könnten. Sie wissen doch, dass Sie keinen guten Ruf bei uns haben und dass wir Sie beschuldigen, das Unheil über uns in der Gegend gebracht zu haben."

"Du hast Recht", erwiderte der Tiger. "Es ist besser, wenn du allein zum Dorf gehst. Aber beeile dich und komm auf dem direkten Weg hierher zurück."

"Versprochen, versprochen. Ich habe allerdings Bedenken: Während ich zum Dorf gehe, bleiben Sie allein hier mit meinem Büffel zurück. Wenn Sie jedoch in dieser Zeit einen kleinen Hunger verspüren und meinen Büffel verspeisen, was mache ich dann? Es ist also besser für uns alle, dass ich Sie jetzt an einen Baum fessele, bevor ich weggehe, damit Sie dieser Verlockung nicht nachgehen."

Der Herr des Dschungels musste zugeben, dass das Geschöpf auf zwei Pfoten wieder Recht hatte.
Der Mensch begann, aus Reisstroh ein stabiles Seil zu flechten. Dann band er den Tiger fest an einen großen Baum.

"Gut", sagte das Raubtier, "jetzt musst du dich aber beeilen, um mir das Gehirn zu holen."

Der Mensch brach in Gelächter aus: "Du dummes Tier! Seit Anfang der Welt trägt der Mensch sein Gehirn im Kopf. Das ist die Kraft meines Gehirns, die dich an diesen Baum gefesselt hat, dich, den Herrn des Dschungels!"

Danach setzte der Mensch sich ins Gras und machte ein Feuer, um seine Mahlzeit aufzuwärmen, bei der er durch die Ankunft des Tigers gestört worden war.
Es dauerte nicht lange und die Hitze des Feuers entzündete das Seil aus Reisstroh, das den Tiger gefangen hielt. Das Seil brannte und grub tiefe schwarze Streifen ins Fell des Tigers.
Halb verrückt vor Schmerzen zerriss der Herr des Dschungels die letzte Befestigung und flüchtete in den Wald.
Seit diesem Tag trägt der Tiger Streifen in seinem Fell und hat panische Angst vor dem Feuer.

Aber der Büffel hat an diesen Tag auch eine Erinnerung: Er hat so viel gelacht, dass er umfiel. Seine oberen Schneidezähne schlugen gegen einen Stein und brachen. Seitdem haben alle Büffel ein Loch an dieser Stelle.

Und der Mensch?
Er besitzt immer noch sein Gehirn.


Bilder von Juliane K.