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Die Affen mit dem roten Hinterteil

 

oder wie der erste Affe auf die Erde kam

Vietnamesische Märchen/Mythen

Ein armes Ehepaar bekam ein Kind, das sie Hoa nannten, obwohl es kein schönes Baby war und das Wort Hoa auf vietnamesisch "Blume" ist. Die Eltern liebten ihr Kind sehr.
Das gemeinsame Glück dauerte nicht lang. Der Vater starb, bevor das Mädchen erwachsen wurde. Die Mutter arbeitete sehr schwer, um sich und ihr Kind durchzubringen. Sie verlor jeden Tag mehr und mehr ihre Kraft. Sie fragte sich, was aus ihrem Kind würde, wenn sie einmal nicht mehr am Leben sei.

Die Liebenswürdigkeit und das gute Herz ihrer Tochter zählten nicht, denn sie war "nackt-arm" (auf Deutsch würde man sagen "arm wie eine Kirchenmaus"!) und hässlich: Das kleine Mädchen war körperlich sehr entstellt.

"Was wird aus dir werden, mein liebes Kind?" seufzte eines Tages die Mutter. "Ich weiß gar nicht, wie lange ich noch leben werde. Wer wird sich um dich kümmern, wenn ich nicht mehr am Leben bin, wenn ich unseren Ahnen folge?"


"Höre bitte auf, dich weiter zu quälen, liebe Mutter" sagte Hoa. "Ich bin groß genug, um arbeiten zu gehen. Du brauchst jetzt Zeit für dich."

Aber die Mutter machte sich weiterhin Sorgen, bis sie sich eines Tages an weit entfernte Verwandte erinnerte. Sie ging zu ihnen und bat sie darum, sich der kleinen Hoa anzunehmen, indem sie sie als Dienstbotin einstellten.
"Du wirst in einem reichen Haushalt arbeiten", sagte sie zu der Tochter, ganz erleichtert. "Du wirst es schön und leicht haben."
Ein neues Leben begann also für das Mädchen.

Solange die Mutter lebte, wurde Hoa gut behandelt. Sie wuchs bei den Verwandten auf.

Nachdem die Mutter gestorben war, machten die Verwandten dem Mädchen das Leben zur Hölle.

Hoa bekam immer mehr Arbeit. Je mehr Arbeit Hoa bekam, desto weniger zu essen bekam sie. Am schlimmsten war es, dass sich die Verwandten über ihre körperliche Hässlichkeit lustig machten.

"Ach, liebe Mutter", seufzte Hoa oft, "wenn du wüsstest, was ich jetzt erdulden muss."

Eines Tages kam eine alte Bettlerin an die Tür der reichen Verwandten.

"Im Namen der Göttin des Westens: Haben Sie Mitleid mit mir und geben Sie mir etwas zu essen. Ich habe seit drei Tagen nichts mehr zu mir genommen."

Die alte Bettlerin konnte es nicht schlechter treffen: Vor langer Zeit hatten der Geiz und die Bosheit das Herz der reichen Verwandten von Hoa in Stein verwandelt. Die Bettlerin wurde vom Grundstück verjagt.

Hoa empfand großes Mitgefühl für die alte Bettlerin. Sie rannte hinter ihr her und bat sie, in den Bananengarten in der Nachbarschaft zu gehen und dort bis zum Abend auf sie zu warten. Dann würde sie ihr ein Abendessen vorbeibringen.

"Du hast aber ein gutes Herz, mein Kind", sagte die Bettlerin. Und sie versprach, auf das Mädchen zu warten.

Als es dunkel wurde, schlich sich Hoa aus dem Hause, mit dem Essen in ihrer Kleidung versteckt. Die alte Frau fragte Hoa: "Und du, mein Kind, hast du schon gegessen?"

Tapfer log Hoa: "Ja, ja, ich bin ganz satt vom Mittagessen". In Wirklichkeit hatte Hoa aber seit dem Abend zuvor auch nichts gegessen.

"Ich werde dir meine Dankbarkeit zeigen, obwohl ich nichts besitze", sagte die Alte. "Ich kann dir einen Ratschlag geben: Nächstes Mal, wenn du Holz im Wald suchst, geh immer in Richtung Abendsonne. Du wirst einen kleinen See mit einem Wasserfall finden. Dort solltest du dich baden. Und vergiss nicht, was ich dir gerade gesagt habe. Du wirst es nicht bereuen!"

Das wiederholte sie mehrfach. Dann verschwand sie.

Drei Tage später schickte die Herrin Hoa in den Wald, um Holz zu sammeln. Das Mädchen erinnerte sich an die Worte der Bettlerin. Sie ging in Richtung Sonnenuntergang und plötzlich nahm sie das Plätschern eines Wasserfalls wahr.
"Das ist aber seltsam", dachte das Mädchen, "hier war niemals ein See gewesen."

Aber sie befolgte den Rat der Alten, zumal die Hitze der Nachmittagssonne sehr stark war. Ein Bad war ihr willkommen.

Hoa tauchte glücklich ins Wasser. Als sie zurück ans Ufer kam, hatte sie das Gefühl, wie neu geboren zu sein. Ihre Glieder schienen kräftiger und geschmeidiger geworden zu sein.

Als sie sich übers Wasser beugte, um sich zu kämmen, schrie sie vor Überraschung: Das Wasser spiegelte das Bild einer hübschen Unbekannten! Dickes schwarzes langes Haar umrankte ein ovales und ganz helles Gesicht mit roten Wangen. Schöne Mandelaugen mit dicken schwarzen langen Wimpern. Zähne wie Perlen in einem kleinen Mund mit roten Lippen. Nur die zerrissene Kleidung zeigte, dass es sich wirklich um sie handelte.

Hoa beeilte sich und kam mit dem Holz nach Hause.

Als der Herr und die Herrin die Veränderungen an dem Mädchen sahen, blieben sie vor Erstaunen zuerst wie erstarrt.

Dann überlegten sie und machten Zukunftspläne. "Guck mal, wie hübsch sie geworden ist", zischte die Herrin, eifersüchtig, zwischen ihren Zähnen. "Sie wird uns einen reichen Mann ins Hause bringen!"

"Und wenn wir sie adoptieren?", schlug ihr Mann vor. "Wir haben sowieso keine Kinder. Und wenn sie heiratet und sogar reich heiratet, dann brauchen wir uns nicht mehr um unsere Zukunft zu sorgen. Vielleicht findet sie einen reichen und mächtigen Mandarin mit Kontakt zum Königshof, dann sind wir Schwiegereltern eines Mandarins! Welche Ehre!"

Seit diesem Tag hörte Hoa nicht auf, sich in Gedanken bei der alten Bettlerin zu bedanken. Sie bedankte sich dafür, dass sie hübsch geworden war, und vor allem, dass sich ihre Verwandten ihr gegenüber verändert hatten: Hoa bekam schöne Kleidung und genug zu essen. Sie musste nicht mehr schwer arbeiten. Plötzlich bekam sie eigene Dienerinnen. Hoa durfte dann Damen-Tätigkeiten wie das Sticken ausüben, wie es sich für ein junges Mädchen aus gutem Hause gehörte.

Ihr gutes Herz blieb aber dasselbe. Sie blieb lieb und bescheiden, so, wie sie es immer gewesen war.

Eines Tages überraschte die Herrin Hoa beim Beten. Sie fragte danach.
"Ich verdanke alles einer alten Bettlerin, der ich zu essen gegeben habe", erklärte Hoa. "Sie hat mir geraten, in dem See des Waldes zu baden."

Als die Herrin dies erfuhr, wollte sie mit ihrem Mann unbedingt in diesem See baden, um so schön und so jung wie Hoa werden zu können.

Am See angekommen, sprangen sie hinein und blieben, solange sie konnten, darin, obwohl das Wasser sehr kalt war. Aus Habgier dachten sie, je länger sie im Wasser blieben, je mehr wirke es, je schöner würden sie.

Als sie die Kälte nicht mehr ertragen konnten, stiegen sie aus dem Wasser. Ihre Enttäuschung war sehr groß, als sie entdeckten, dass ein dickes Fell sie vom Kopf bis zu den Füßen bedeckte und dass ganz tiefe Falten ihr Gesicht verunstalteten.

Sie hatten keine menschliche Gestalt mehr. Ihr gesamter Körper juckte so sehr, dass sie sich ausziehen mussten.
Sie wollten um Hilfe schreien, aber nur unverständliches Grunzen kam aus ihren Rachen heraus.

Vor Schreck rannten sie nach Hause.

Hoa wartete den ganzen Tag auf die Rückkehr der Herrschaft. Plötzlich sah sie zwei wilde wütende Tiere, die aus dem Dschungel schreiend in Richtung Haus rannten. Voller Angst machte sie alle Türen und Fenster zu.

Vor Panik betete Hoa alle Gottheiten an, ihr zu helfen.

Da erschien die alte Bettlerin vor ihren Augen.
"Hab keine Angst, mein Kind. Du brauchst nicht mehr auf deine Herrschaft zu warten. Sie sind Affen geworden, nämlich diese Tiere, die dich so erschreckt haben."

"Wie kommt es dazu, gnädige Großmutter?", fragte Hoa ganz erstaunt.

"Sie haben nur bekommen, was sie verdient haben", sagte die alte Bettlerin.

Unter den verblüfften Augen des Mädchens verwandelte sich das zerfurchte Gesicht der Bettlerin in die Gesichtszüge der Göttin des Westens.

"Das Wasser des Sees verwandelt die Leute nach ihren inneren Eigenschaften: Wenn die Person edel, gutmütig und liebevoll ist, bekommt sie ein Gesicht und einen Körper wie ihr Inneres, das heißt schön. Dagegen wenn jemand böse ist, erhält er ein fürchterliches Gesicht."

"Aber, mächtige Göttin, meine Herrschaften können doch nicht Tiere bleiben", erwiderte Hoa aus Gütigkeit. "Ich bin mir sicher, dass sie ihre Untat bereits bedauern. Sie sind doch so gutmütig, mächtige Göttin, können Sie ihnen ihre menschliche Gestalt nicht wiedergeben?", flehte Hoa.

Die Göttin betrachtete das Mädchen ganz lang und sagte schließlich: "Nimm zwei große Steine, leg sie ins Feuer, bis sie rot werden, und wirf sie durchs Fenster. Dann kümmere dich nicht mehr darum. Begnüge dich damit, hier im Glück zu leben."

Hoa tat, was die Göttin ihr befohlen hatte. Sie warf die beiden weißglühenden Steine durchs Fenster und ging seelenruhig ins Bett.

Die beiden Steine, die in der Nacht wie Edelsteine glänzten, zogen die beiden Affen, die immer noch gierig nach Reichtümern waren, an.

Sie kamen näher und setzten sich auf die Steine, um die Edelsteine für sich zu beanspruchen. Aber schließlich sprangen sie vor Schmerzen auf.

Die beiden Verwandten von Hoa haben mit dieser Tat nochmals bewiesen, dass sie die Lektion der Götter noch nicht gelernt haben.
Deswegen bleiben sie immer Affen.

Seitdem gibt es in Vietnam viele Affen, die ein rotes Hinterteil haben. Diese Affensorten meiden den Kontakt mit Menschen.


Gemälde von Cát Đơn Sa
Bilder von Juliane K.