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Die erste Sandkrabbe - Da Trang xay cat

oder wie ein Mann zur ersten Sandkrabbe wurde

Vietnamesische Märchen/Mythen

Es war einmal ein Jäger namens Da Trang. Eines Tages während der Jagd, erblickte er eine Schlange, die sich häutete. Die Schlange sah nicht böse aus. Sie lag da und störte niemanden.

Am Abend kam der Jäger wieder vorbei und sah eine Kobra, die die Schlange bedrohte. Er schoss mit seinem Bogen einen Pfeil ab und tötete die Kobra. Aus Mitleid wegen der Schwäche der Schlange überließ Da Trang ihr die Hälfte seiner Jagdbeute.

Einige Nächte danach träumte Da Trang von einem Mann, der ihm sagte:
"Ich bin die Schlangengottheit. Ich bedanke mich sehr dafür, dass Sie mein Leben gerettet haben und mir vor kurzem zu essen gegeben haben. Nehmen Sie dieses zum Zeichen meines Dankes."

Der Mann verwandelte sich in eine Schlange und ließ aus dem Maul eine wunderschöne Perle herausfallen.

Als Da Trang aus dem Schlaf erwachte, lag die Perle immer noch in seiner Hand.
Da Trang entdeckte schnell die Macht der Perle: Wenn er sie im Mund hielt, konnte er die Sprache aller Tiere verstehen und sprechen. Was für ein Wunder war es doch, diese Welt zu erkunden!


Dank der Perle kam Da Trang in seiner Arbeit weiter.

Mit zwei Raben schloss er ein Abkommen: Jeden Tag zeigten sie ihm interessante Beute und für diese Hilfe sollten sie von Da Trang die Gedärme der erlegten Tiere bekommen.

Alles ging einige Zeit gut.

Eines Tages hatten wilde Hunde die Gedärme genommen, bevor die Raben kamen.
Die Vögel kamen zu Da Trang und forderten Rechenschaft.

Obwohl Da Trang ihnen wieder und wieder versicherte, dass er wie abgemacht die Gedärme dort zurückgelassen hatte, glaubten die Vögel ihm nicht.

Die Auseinandersetzung mit den Vögeln eskalierte und aus Müdigkeit schoss Da Trang einige Pfeile in ihre Richtung, nicht um sie zu töten, sondern um sie wegzujagen, weil er Ruhe haben wollte.

Die Vögel dachten, dass Da Trang sie umbringen wollte. Sie nahmen die Pfeile und krähten beim Wegfliegen: "Rache ! "Rache!"

Am nächsten Tag wurde Da Trang wegen Mordes festgenommen: Man hatte seine Pfeile in einer Leiche gefunden. Trotz seiner Beteuerung, dass er damit nichts zu tun habe, wurde er ins Gefängnis geworfen.

Im Gefängnis verbrachte er seine Zeit damit, sich mit Insekten und Vögeln zu unterhalten bzw. sie zu belauschen.

Zwei Spatzen erzählten ganz stolz davon, wie sie die Reiskammer des Königs geplündert hatten, weil die nicht gut bewacht war.

Da Trang teilte dieses dem Gefängnisdirektor mit, der zuerst nicht daran glaubte. Nachdem er sich diese Informaton hatte bestätigen lassen, war er von Da Trangs Worten überzeugt.

Eines Tages erfuhr Da Trang von erschreckten Ameisen, dass eine Überschwemmung bevorstand.
Da Trang benachrichtigte sofort den Gefängnisleiter, der wiederum sofort den König unterrichtete. Vorsichtshalber wurden Maßnahmen getroffen, so dass der Schaden gering blieb.

Da Trang wurde danach wie ein Held und großer Seher respektiert.

Der König selbst fragte nach ihm. Da Trang erzählte dem König seine Geschichte. Dieser wiederum wollte auf jeden Fall Tiere hören und verstehen. Da Trang lieh ihm also seine Perle. Sie wurden enge Freunde.

Jeden Tag gingen sie gemeinsam spazieren und studierten das Leben der Tiere.

Nachdem sie alle Tiere auf dem Festland kennengelernt hatten, wollten sie die Wassertiere erkunden. Sie bestiegen ein großes Schiff und machten eine lange Reise auf dem Meer des Ostens.

Eines Tages traf das Schiff auf eine Gruppe von Delfinen. Der König war so sehr von ihren Sprüngen begeistert, dass er dasselbe zu machen versuchte. Er fand vor allem Gefallen an den Gesängen der Säugetiere. Er war so glücklich, dass er in Gelächter ausbrach. Die Perle fiel aus seinem Mund ins Meer.
Taucher versuchten tagelang, die Perle wiederzufinden. Vergeblich.

Untröstlich aß und schlief Da Trang nicht mehr. Ihm kam die Idee, den Ozean mit Sand aufzufüllen, um seine Perle wiederzufinden.

Am Anfang wurde er vom König unterstützt, indem Soldaten Sand aus Karren ständig ins Meer schütteten. Nach einiger Zeit hielt der König dies jedoch für eine Wahnidee und rief seine Soldaten zurück.

Allein am Strand zurückgeblieben, schüttete Da Trang weiter Sand ins Meer, bis er aus Erschöpfung starb.

Er wurde als Krabbe wiedergeboren und setzte ohne Pause seine Sucharbeit nach seiner Perle weiter fort.

Seitdem finden wir auf unserem Strand bei Ebbe kleine Sandkügelchen, die von diesen asiatischen Krabben gemacht werden.

Wenn jemand eine unmögliche dauerhafte Arbeit leistet, ohne Aussicht auf Erfolg, sagt man auf Vietnamesisch "Công Da Trang", oder "Da Trang xay cat", wörtlich übersetzt "Arbeiten Da Trang" bzw. "Da Trang bauen Sand".




Während ich dieses Märchen aufschreibe, wandern meine Gedanken zurück, in meine Kindheit und meine Jugend.
Durch Polio gelähmt, lag ich oft stundenlang am Strand von Vung Tau - wir nannten diese Stadt "Cap" (von Cap Saint-Jacques) -, während andere Kinder um mich herum tobten.

Bei Ebbe sah ich diese winzigen, aufeinander geschichteten Sandkügelchen. Kaum kam die Flut, wurde wieder alles zerstört. Die Wellen schwappten über die Sandgebilde, nahmen sie mit sich fort. Sofort begannen die kleinen Krabben wieder mit ihrer Arbeit.

Vielleicht hätte ich als gesundes Kind und Jugendliche gar nicht die Muße gefunden, dieses Naturschauspiel zu beobachten.

Ich habe mir auch diese Ausdauer der Krabben zu Eigen gemacht: Ich habe laufen gelernt, gab und gebe niemals auf und wurde so der Mensch, der ich heute bin.


Bilder von Juliane K.