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Zehn Cent für ein Mittagessen

Recklinghausen.
Einen Teil seiner Kindheit hat Paulus Dinh Dung Phan in Vietnam verbracht. Aufgewachsen in einer katholischen Familie, musste er als 15-Jähriger erleben, wie Christen verfolgt und Menschen in Konzentrationslager gebracht wurden.

Paulus Dinh Dung Phan flüchtete aus Vietnam nach Deutschland

Zahlreiche Hilfsprojekte für Kinder unterstützt Pfarrer Paulus Dinh Dung Phan in seiner Heimat Vietnam.


Recklinghausen. Einen Teil seiner Kindheit hat Paulus Dinh Dung Phan in Vietnam verbracht. Aufgewachsen in einer katholischen Familie, musste er als 15-Jähriger erleben, wie Christen verfolgt und Menschen in Konzentrationslager gebracht wurden. Gemeinsam mit seinem Bruder ist er geflohen. Heute engagiert sich der Priester von Recklinghausen aus für arme und behinderte Kinder in Vietnam.

15 Jahre alt ist Dinh Dung Phan, als er gemeinsam mit seinem Bruder im September 1981 flieht. Sie gehören zu den "Boat people", die mit einem wackeligen Holzboot ihre Heimat verlassen. Die Überlebensquote: fünf Prozent. Auf hoher See verbringt er viel Zeit unter Deck, eingepfercht mit zahlreichen anderen Vietnamesen. Dann, einen Tag nach seinem 16. Geburtstag, kam die Rettung. "Wir wurden von dem Hilfsschiff 'Cap Anamur' aufgefischt. Nur deswegen lebe ich heute. Dafür bin ich so dankbar", erzählt der inzwischen 40-Jährige.

Seit dem 16. November 1982 lebt Paulus Dinh Dung Phan in Deutschland. Hier hat er seinen Taufnamen wieder angenommen. "In Vietnam wäre das nie möglich gewesen." Unterdrückung, Krieg, Unfreiheit – Worte, die er immer wieder anführt, um die Zustände in seiner Heimat nach der Machtübernahme durch die Kommunisten zu beschreiben. Unsinnig, unsäglich, menschenunwürdig – Zustände, die ihn zur Flucht getrieben haben. "Wir mussten immer im Hinterkopf haben, auf hoher See umzukommen", erzählt er. Doch das nahm er auf sich, um das Land zu verlassen, in dem er als Christ verfolgt wurde, in dem junge Männer als Soldaten zwangsverpflichtet wurden, um gegen Kambodscha in den Krieg zu ziehen, in dem das Eigentum von ehemaligen Regierungsmitarbeitern enteignet wurde und Menschen in Konzentrationslager gesperrt wurden. "Eine fünfprozentige Überlebenschance war mir das Leben in Freiheit wert."

Beten vor dem Hausaltar

Aufgewachsen ist Paulus Dinh Dung Phan in einer frommen katholischen Familie. "Wir haben abends vor unserem Hausaltar gebetet und gemeinsam aus der Heiligen Schrift gelesen. Mein Vater war aktiv im Pfarrgemeinderat", erzählt er. Vorbilder wie Fußballstars oder Popsänger habe er als Kind nicht gehabt. "Meine Vorbilder waren Priester und Ordensleute, die sich für Menschen eingesetzt haben und ihnen zur Seite standen." Zwar habe er damals seine Eltern und Geschwister mit dem Gefühl verlassen, sie nie wieder zu sehen, aber trotzdem brachte er den Mut und den starken Willen auf. "Ich war mir sicher: Wenn ich Gottes Gnade habe, bleibe ich am Leben." In den beiden Flüchtlingslagern auf den Philippinen, in denen er 14 Monate gelebt hat, ist der Entschluss in ihm gereift, Priester zu werden. "Dankbarkeit, am Leben zu sein. Das habe ich gespürt. Ebenso war es für mich ein Geschenk, den Hass zu überwinden." Auch engagierte er sich als Jugendleiter. "Das Leben im religiösen Verband hat mich getragen, und ich habe gemerkt, hier kann ich etwas für andere tun."

In Deutschland angekommen, spornt ihn der Wunsch, Priester zu werden, immer wieder an. "Ich wollte möglichst schnell und gut lernen, um mein Ziel zu erreichen", erzählt er. Dabei sei es nicht die Sprache gewesen, die ihn anfangs irritiert habe, sondern das Wetter. "Ich habe mich gefragt, wie man in dieser Kälte leben kann", gibt er zu und lacht. Das kennzeichnet ihn, dieses Lachen, ein fröhliches, ansteckendes Lachen. Sein erstes Zuhause werden Herten und ein Förderinternat in Datteln-Horneburg. Nach eineinhalb Jahren hat er sich das Wissen angeeignet, um die zehnte Klasse auf dem Bischöflichen Gymnasium und Internat Collegium Johanneum Schloss Loburg bei Ostbevern zu besuchen. "Weihbischof Josef Voß hat mich begleitet und mich sehr unterstützt." 1988 – sieben Jahre nach der Flucht – besteht Paulus Dinh Dung Phan das Abitur. "Ich hatte sogar Deutsch als Prüfungsfach." Dankbarkeit, Begeisterung und Freude haben ihn immer motiviert, zu lernen. "Ich wusste, dass ich mein Ziel verwirklichen kann."

Zwischenzeitlich gab es durch die Möglichkeit der Familienzusammenführung ein Wiedersehen mit seiner Familie. Drei Jahre lebten sie in Datteln, bevor sie nach Australien ausgewanderten. Doch Paulus Dinh Dung Phan ist ihnen nicht gefolgt. "Ich hatte die Befürchtung, in dem neuen Land mein Ziel aus den Augen zu verlieren", gibt er zu. Am 18. Mai 1997 wird er zum Priester geweiht. Es folgen Stationen in Oelde-Stromberg, in Recklinghausen-Hochlar, in Kleve, Beckum, Visbek und Bocholt. Seit gut einem Jahr arbeitet er nun in Recklinghausen St. Antonius als Vicarius Cooperator mit dem Titel Pfarrer. "Für die Gemeinde bin ich aber der Kaplan – der Einfachheit halber."

Viermal besucht er seit der Priesterweihe Vietnam. "Ich war entsetzt, wie groß die Armut ist, wie schlecht es vor allem den Kindern geht." Die Bilder lassen ihm keine Ruhe. "Obwohl ich schon viel gesehen habe, machen mir diese Erlebnisse zu schaffen." Immer wieder überlegt er, was er für diese Kinder tun kann. Im Bekanntenkreis und in den Gemeinden erzählt er von den Zuständen in seiner Heimat, beginnt, Spenden zu sammeln und weiterzugeben. Paulus Dinh Dung Phan unterstützt ausschließlich christliche Institutionen, die sich für Kinder einsetzen, die ihnen ein Zuhause geben, ihnen eine Ausbildung ermöglichen. "Die Kinder sollen eine schöne Kindheit haben. Sorgen, wie man den nächsten Tag überleben soll, passen nicht zu einem Kind. Sie sollen Grund zum Lachen haben. Dazu möchte ich im Rahmen meiner Möglichkeiten beitragen", erzählt er. Einige Projekte hat er besucht und dabei erfahren, dass ein Mittagessen 1.500 Dong kostet. "Das sind umgerechnet zehn Cent."

Seit einem Jahr gibt es den Verein "Mirjam – Kinderhilfe in Vietnam". Der Name kommt nicht von ungefähr. "Im Buch Exodus ist zu lesen, dass Mirjam, die Schwester von Moses, gesungen und getanzt hat, als sie merkte, dass sie in Freiheit ist. Sie hat die Freiheit und die Güte Gottes gelobt." Und so wünsche er sich, dass die Kinder in Vietnam ein Lachen im Gesicht haben, dass sie ein Lied der Freiheit singen und dankbar Gottes Güte und Gabe annehmen können. "Doch ich bin nur Verwalter und Vermittler. Die Spenden kommen von wohltätigen Menschen, die ihr Herz für die Kinder in Vietnam öffnen."

Text und Foto: Michaela Kiepe in "Kirche+Leben", 11.03.2007

Stichwort: Boat people
Am 30. April 1975, nach dem Sieg des kommunistischen Nordens Vietnams über den Süden, beginnt die Fluchtwelle. Viele Menschen fliehen, da sie die inhumanen Konzentrationslager fürchten. Ende 1978 wird die Flucht zur Massenbewegung. Geschätzte 500.000 Vietnamesen sind auf dem Seeweg geflohen. Diejenigen, die auch Dank der "Cap Anamur" überlebt haben, leben heute in mehr als 16 Ländern. Erst Ende der 80er ebbt der Flüchtlingsstrom ab. Am 28. April werden zahlreiche Vietnamesen in Troisdorf, dem Wohnort von Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck, eine Gedenktafel anbringen.


Quelle: kirchenseite.de