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Nur Beten geht gemeinsam


VIETNAMESEN / Die Trennung in Nord und Süd wirkt auch in Berlin weiter. Zu unterschiedlich ist die Lebenssituation
 



Die Müllerstraße führt aus dem Zentrum Berlins in Richtung Norden, durch den alten Arbeiterbezirk Wedding. Auch sonntags reißt auf der breiten Allee der Verkehr nicht ab. Besonders hektisch geht es zu vor der Kirche St. Josef, deren wuchtige neoromanische Fassade sich von der Front der schmucklosen Mietskasernen abhebt: Autos halten im Minutentakt, Familien in Sonntagskleidern steigen aus. Zu Fuß kommt kaum jemand: Die Besucher dieses Gottesdienstes wohnen über ganz Berlin verstreut. Einmal im Monat versammeln sich hier die vietnamesischen Katholiken der Hauptstadt zu einem Gottesdienst in ihrer eigenen Sprache. .


Die einen kamen als Bootsflüchtlinge in den Westen, die anderen als Gastarbeiter in die DDR. Jetzt sitzen sie miteinander im Gottesdienst.




VERSUNKEN: Pfarrer Ngoc Ha Do betet am Altar für Verständigung zwischen seinen Gläubigen.
Fotos: Eckelt

 

Die Müllerstraße führt aus dem Zentrum Berlins in Richtung Norden, durch den alten Arbeiterbezirk Wedding. Auch sonntags reißt auf der breiten Allee der Verkehr nicht ab. Besonders hektisch geht es zu vor der Kirche St. Josef, deren wuchtige neoromanische Fassade sich von der Front der schmucklosen Mietskasernen abhebt: Autos halten im Minutentakt, Familien in Sonntagskleidern steigen aus. Zu Fuß kommt kaum jemand: Die Besucher dieses Gottesdienstes wohnen über ganz Berlin verstreut. Einmal im Monat versammeln sich hier die vietnamesischen Katholiken der Hauptstadt zu einem Gottesdienst in ihrer eigenen Sprache.

Die mehr als 10000 Vietnamesen Berlins sind tief gespalten, in Nord und Süd. Durch die größte asiatische Minderheit der Hauptstadt verläuft ein Riss, der den Fronten des Kalten Krieges entspricht – auch heute noch, 16 Jahre nach dem Fall der Mauer. Der Gottesdienst im Wedding ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sich Nord- und Südvietnamesen begegnen. Zwar feiern sie gemeinsam in St. Josef die Messe, doch außerhalb der Kirche gehen sie sich aus dem Weg. Zu verschieden sind die Gründe, aus denen beide Bevölkerungsgruppen ihr Heimatland verlassen haben.

Rund 250 Gläubige, unter ihnen viele Jugendliche und junge Familien, sitzen im dämmrigen Kirchenschiff. Bevor Pfarrer Ngoc Ha Do mit der Messe beginnt, erheben sich drei ältere Männer und gehen gemessenen Schrittes nach vorn. Sie entzünden Räucherstäbchen – um die Verstorbenen zu ehren. Langsam breitet sich der würzige Duft in der Kirche aus. Der Ahnenkult ist ein traditioneller Bestandteil der vietnamesischen Kultur und wird in den katholischen Ritus integriert.

Im Westen Berlins leben jene Vietnamesen, die als Boat-People ihr Heimatland verließen. Nachdem 1975 der kommunistische Norden den Süden Vietnams erobert und das Land gewaltsam wiedervereinigt hatte, machten sich Hunderttausende auf die Flucht, unter ihnen waren Militärs, Intellektuelle und Christen. Auch Ngoc Ha Do war dabei. Im Jahr 1983 flüchtete der damals 22-Jährige mit 39 anderen Landsleuten in einem neun Meter langen, offenen Boot. Nach tagelanger Irrfahrt fischte sie das deutsche Rettungsschiff „Cap Anamur“ aus dem Meer. Die geglückte Flucht erschütterte Ha Do so tief, dass er beschloss, in seiner neuen Heimat Deutschland Theologie zu studieren. Seit einigen Jahren betreut er die katholische vietnamesische Gemeinde Berlins, zu der auch nordvietnamesische Gläubige gehören, die mehrheitlich in den östlichen Plattenbauten Berlins wohnen.

Die ehemaligen „Vertragsarbeiter“ sind eine DDR-Mitgift. Nur ein Bruchteil von ihnen ist katholisch. Anders als ihre Westberliner Landsleute waren sie niemals Teil der offiziellen DDR-Gesellschaft. Nach der Wende kehrten die meisten zurück nach Vietnam. Wer in Deutschland bleiben wollte, musste sich eine Existenz als Selbstständiger aufbauen. Inzwischen haben sie sich auf niedrigem Niveau integriert. Ihre Heimat gehört trotz einer zaghaften Öffnung für die Marktwirtschaft nach wie vor zu den ärmsten Ländern der Erde. Und noch erhebt die kommunistische Partei einen umfassenden Führungsanspruch. Immer wieder werden Christen unter Arrest gestellt oder verhaftet.

Die Religionsgeschichte des Landes vertieft den Nord-Süd-Gegensatz noch. Zwar ist die Missionierung seit dem 16.Jahrhundert mit der Kulturgeschichte des Landes verbunden. Der Jesuitenpater Alexander de Rhodes verband die komplexe Tonsprache mit dem lateinischen Alphabet. Mitte des 19.Jahrhunderts wurde Indochina französische Kolonie. Nach der Niederlage Frankreichs 1954 setzte im Norden des Landes eine Christenverfolgung ein. Über eine Million Katholiken flüchteten in den Süden.

Ein Ort der Begegnung ist der Gottesdienst in St. Josef. Er findet komplett auf Vietnamesisch statt, jeweils am ersten Sonntag im Monat. Die Lesung hält eine Gemeindeschwester. Für die Fürbitten tritt ein Gläubiger aus der Gemeinde ans Pult. Zur Eucharistiefeier klettern die vielen Kinder aus den Bänken und strömen nach vorn zum Altar – aus dem Gottesdienst wird ein fröhliches Kinderfest. Nur die Orgel schweigt: Für die Musik sorgt ein kleiner Chor vorne rechts. Wenn die E-Gitarre den Ton vorgibt und der Gesang mehrstimmig einsetzt, klingt es ein bisschen nach Simon and Garfunkel in der Südsee. „Hier spielt die Herkunft natürlich keine Rolle“, sagt Ngoc Ha Do, der Pfarrer, „aber wenn es nicht sein muss, sprechen wir das Thema nicht an.“ Für ihn ist wichtig, dass sich seine Landsleute in der fremden Heimat wohl fühlen. Gerade deshalb findet der vietnamesische Gottesdienst nur einmal im Monat statt. „Wir wollen uns in die deutsche Gesellschaft integrieren, und dazu gehört, dass wir an den anderen Sonntagen unsere Ortsgemeinden besuchen.“

Nach dem Gottesdienst trifft sich die Gemeinde zu einem Plausch auf dem Hinterhof. Anh Tuan lebt mit seiner Familie in Spandau, im Nordwesten Berlins. Er plant diesen Gottesdienst jeden Monat fest ein, denn Lieder in der eigenen Sprache zu singen ist dem Mittdreißiger sehr wichtig. „Hier ist man unter seinesgleichen“, fügt er hinzu und meint damit vor allem seine südvietnamesischen Landsleute. Bereits hier auf dem Hof, schon wenige Minuten nach dem Gottesdienst, scheidet sich wieder Nord von Süd. Dang Khoa aus Hohenschönhausen in Ostberlin verströmt mit seinem schwarzen Anzug eine gravitätische Aura. Am Revers prangt eine Madonna. „Wir Nordvietnamesen sind doch nicht alle Kommunisten“, sagt er lachend. „Ich bin vor allem Katholik!“

Süd-Nord-Gefälle
In Vietnam leben rund 75 Millionen Menschen. Zwischen dem Norden und dem Süden des Landes gibt es starke kulturelle Unterschiede.

Religionen (in Prozent): Buddhisten: 55, Animisten: 3, Muslime: 0,2, Christen: katholisch 9, evangelisch 0,8.

Nach dem Vietnamkrieg (zuerst gegen Frankreich, dann gegen die USA) wurde das Land 1975 wiedervereinigt. Hunderttausende flohen vor den kommunistischen Herrschern aus demNorden. Die südliche Metropole Saigon heißt seither offiziell Ho-Chi-Minh-Stadt. Die Bundesrepublik Deutschland nahm rund 35000 Bootsflüchtlinge auf. Ihre Integration in die deutsche Gesellschaft gilt heute als beispielhaft.

Die ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeiter stammen mehrheitlich aus Nordvietnam. Rund 80000 von ihnen kamen in den achtziger Jahren zum Arbeiten in die DDR. Hier zerrann ihr Leben zwischen Fließband und Wohnheim, eine Integration fand nicht statt; sie war nicht erwünscht.

Viele kehrten nach der Wende in ihre Heimat zurück. Die, die blieben, lebten jahrelang in einem rechtlichen Vakuum, bis ihnen ab Mitte der neunziger Jahre langfristige Aufenthaltsgenehmigungen erteilt wurden und sie ihre inzwischen fremd gewordenen Familien nachholen konnten. Vom deutschen Sozialversicherungssystem ausgeschlossen, blieb ihnen nur die Möglichkeit, sich als Selbstständige und Freiberufler zu etablieren: in der Gastronomie, im Einzelhandel und im Reinigungsgeschäft. Etwa 7000 ehemalige „Vertragsarbeiter“ leben heute im Osten Berlins.


Rheinischer Merkur Nr. 11, 16.03.2006
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