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Meine Erinnerung an die Flucht

Tri Tin Vuong erzählt von seiner Flucht aus Vietnam

„Halt, stehen bleiben!“
Peng, Peng… „Ahhh, Hilfe, Hilf e e e!..“

 

 


Tri Tin Vuong erzählt von seiner Flucht aus Vietnam

„Halt, stehen bleiben!“
Peng, Peng… „Ahhh, Hilfe, Hilf e e e!..“

„Oh, Gott, ist einer von uns getroffen?“ Ich bin wach geworden, mein Körper war nass vom Schweiß, mein Herz schlug ganz stark. Ich schaute umher, dann bekam ich langsam mein Sicherheitsgefühl wieder, als ich erkannte, dass ich in einem Jugendwohnheim in Königswinter in Deutschland war. Schon seit 4 Jahren wohnte ich in Deutschland, aber immer wieder bekam ich solche Albträume. Albträume, die ich selbst erlebt hatte, bei meinen verschiedenen Fluchtversuchen.


Beim 1. Versuch war ich mit meiner Schwester gemeinsam in einer Fluchtorganisation. Von Saigon aus sind wir mit dem Bus nach Vung Tau gefahren, als ich sehr jung war. Meine Eltern machten sich schon Sorgen. Sie sagten, dass meine Schwester und ich unbedingt zusammen bleiben sollten. Aber auf dem Weg nach Phuoc Tinh, ein Dorf in der Nähe von Vung Tau, musste ich mit anderen Leuten zusammen fahren. Meine Schwester wollte das nicht, aber die Leute erklärten ihr, dass wir aus Sicherheitsgründen getrennt fahren müssten. Ich sollte mit einem fremden Mann fahren, der von der Organisation war und leise zu mir sagte: „Du musst hinter mir gehen und ganz cool bleiben.“ Das bedeutete: Obwohl ich nicht wusste, wo er hingehen würde, musste ich so tun, als wäre mir der Weg bekannt.

Ich stieg in den Bus ein, das war gegen 17 Uhr. Von Saigon nach Phuoc Tinh dauerte es fast 3 Stunden. In dieser Zeit sprachen wir gar nicht miteinander, weil wir einfach still bleiben sollten. Als der Bus in Phuoc Tinh hielt, stieg der Mann aus. Bevor er ausstieg, warf er mir einen Blick zu, um mir das Zeichen zu geben „komm mit!“. Das war schon in der Dämmerung. Ich ging hinter dem Mann her durch ein paar Felder zu einem Haus aus Bambus. Bevor der Mann die Tür aufmachte, pfiff er ein Zeichen für die Leute, die im Haus waren, dann konnte er die Tür öffnen. Im Haus gab es kein elektrisches Licht. Auf dem Tisch stand nur eine Öllampe.

Eine ältere Frau, die sich im Haus befand, fragte ihn: „wie viele Personen kommen noch ?“

„Insgesamt 3 Personen“, antwortete er ihr.

„Hier im Haus sind schon 7 Personen, kannst du sie nicht zum anderen Haus bringen?“

„Nein, das ist schon geplant. Wir bleiben hier nur 4 bis 5 Stunden. Gib den Leuten etwas zu essen“, sagte der Mann.

Die Frau gab uns ein paar kleine trockene Keks. In dem Moment hatte ich keinen Hunger, weil ich viele Sorgen hatte. Mein Kopf war voll mit verschieden Fragen: „Wo ist meine Schwester? Wo bin ich? Wie soll es nun weitergehen?

„Komm Junge, schnell komm mit!“, die Frau brachte mich in ein Zimmer, wo es kein Licht gab. Sie gab mir einen Befehl: „Setz dich hier und bleib ruhig.“ Alles passierte ganz schnell innerhalb weniger Minuten. Ich war noch nicht in der Realität angekommen.

In der Dunkelheit konnte ich nichts sehen. Aber ich ahnte, dass jemand in der Nähe war.

„Hallo, komm näher zu uns! “, flüsterte jemand in mein Ohr. Das war eine Frauenstimme. Die Frau flüsterte weiter:

„Wir sind 6 Personen hier. Ich bin die einzige Frau, sonst nur Männer. Du bist der erste Junge. Wie heißt du?“, fragte sie mich.

„Ich heiße Tin und du?“ fragte ich sie zurück.

„Mein Name ist Be. Ich bin allein hier. Bist du auch allein auf der Flucht?“

Ich erwiderte: „Nein, ich bin mit meiner Schwester zusammen. Aber auf dem Weg hierher mussten wir uns trennen und seitdem haben wir uns verloren. Jetzt weiß ich nicht, wo sie ist.“

„Wie heißt deine Schwester?“
„ Sie heißt Chau.“

„Ah, deine Schwester war hier vor einer halben Stunde, jetzt ist sie mit den anderen Leuten zum anderen Haus gegangen. Warum ? Das weiß ich nicht.“, sagte Frau Be zu mir.

„Woher weißt du, dass meine Schwester hier war?“, fragte ich.

„Eine Frau, die hier war, hieß auch Chau. Außerdem sagte sie zu mir, dass sie ihren Bruder sucht.“, erklärte Frau Be. Nach Frau Bes Information war es für mich etwas leichter. Ich bin irgendwann eingeschlafen. Plötzlich klopfte jemand auf meine Schulter.

„Wach auf, wir müssen weg gehen“, sagte Frau Be leise zu mir. Dann nahm sie meine Hand fest und zog mich in die Richtung, wo man hinlaufen sollte.

Wir gingen ganz leise und schnell wie die Mäuse auf den Feldern. Draußen war es dunkel. Man konnte nur die Sterne am Himmel sehen. Wir gingen zu einem anderen Haus. In diesem Haus erfuhr ich, dass es noch mehr Personen gab. Es gab kein Licht, wir konnten nichts sehen. Hand in Hand folgten wir jemandem in eine Ecke des Hauses. Da blieben wir sitzen. Nach kurzer Zeit gewöhnten sich unsere Augen an die Dunkelheit, dann konnten wir etwas erkennen. Im Haus waren 3 Gruppen. Ich versuchte meine Schwester zu finden. Aber jemand warnte mich:

„Bleib ruhig sitzen! Sonst schmeiße ich dich raus.“
Nach einer Weile fragte ich Frau Be: „Wiespät ist es, wann werden wir zum Boot gehen?“

„Jetzt ist es ungefähr 1 Uhr, wir warten auf jemanden, der uns zum Boot bringt. Ich habe gehört, dass er gegen 2 Uhr kommt.“

Eine Stunde verging. Der Mann von der Fluchtsorganisation kam noch nicht. Wir warteten voller Aufregung.

Plötzlich ging die Haustür langsam auf. An der Tür erschien die Figur eines Mannes, der uns den Befehl gab: „Ihr sollt hinter mir laufen, aber nur in einer Reihe und so leise wie möglich. Habt ihr verstanden?“

Wir liefen nach draußen in die Dunkelheit über verschiedene Reisfelder, denn es war Trockenzeit und deswegen nicht so rutschig, aber ich bin trotzdem fast ein paar Mal gestürzt, da ich nicht gut sehen konnte. Das Meer war nicht mehr so weit, da es schon nach Meer roch und man die Geräusche der Wellen hörte. Das erste Gefühl war für mich ganz angenehm; „Oh, die Freiheit ist nicht mehr nur ein Traum, wir bekommen die Freiheit in der Kürze, wenn wir an Bord gehen“. Mein Gedanke war irgendwo anders.

Draußen vom Meer her blinkte jemand mit einer Taschenlampe und gab uns so ein Zeichen, dass die Luft rein wäre.

„Kommt, steht auf, lauft weiter“, sagte einer. Wie ein Blitz standen die Leute auf und liefen zum Meer. Nach wenigen Minuten hörten wir jedoch einen lauten Befehl:

„Halt, stehen bleiben, Polizei!“

„Oh Gott, Polizei, wir sind erwischt worden“, dachte ich. Ich bekam ein kaltes Gefühl im Rücken und konnte nicht mehr laufen, weil meine Füße so schwer waren. In dem Moment wusste ich nicht, was ich machen sollte. Frau Be sagte zu mir: „Lauf, lauf schnell, und versteck dich irgendwo!“ Der Befehl gab mir Mut und Kraft. Wie ein Hase auf dem Acker sprang ich schnell weg. Auf dem Feld gab es ein Chaos, die Leute liefen durcheinander.

„Halt, halt, sonst schießen wir!“, schrien die Polizisten.

Ich lief zu einem Busch und versteckte mich dort. Ich hockte auf dem Boden und holte Luft. Plötzlich kam etwas Kaltes an meine Schulter. Ich bekam einen Schock, da ich dachte, es wäre eine Schlange oder irgendein Tier. Ich guckte zur Seite, wo dieses Ding herkam. Ich sah zwei Augen.

„Pscht, bleib ruhig, wir sind das, komm rein, sonst sieht man dich“, flüsterte jemand in mein Ohr. In diesem Busch waren 2 Personen von unserer Gruppe. Wir guckten uns an aber sprachen kein Wort.

„Halt, halt!“ Peng, peng… „Aahh, aaahhhhh, Hilfe e e e e!“

Jemand ist von der Polizei angeschossen worden. Ich hörte diesen Schrei. Mein Herz klopfte ganz schnell. Meine Zähne klapperten, die Hände zitterten wie noch nie. Mein Schweiß tropfte langsam von der Stirn nach unten, obwohl es draußen auf den Feldern kühl war.

Eine Stunde später herrschte wieder Ruhe in den Feldern. Ich wusste nicht, wie viele Leute von den Polizisten erschossen worden waren. Einer von uns sagte leise: „Wartet noch ein bisschen, dann können wir abhauen.“

Der eine sagte: „Jetzt gehen wir zur Straße und warten auf einen Bus.“ Wir kletterten vorsichtig zur Straße. Das war gegen 5 Uhr morgens. Wir kamen dann zu einem Busch, der in der Nähe der Straße stand.

„Wir müssen nacheinander fahren, nicht auf einmal. Junge, du kannst zuerst fahren, wenn der Bus kommt“, sagte der eine zu mir.

Ich fragte: „warum können wir nicht zusammen fahren?“

„Weil das gefährlich ist. Wir könnten sofort von der Polizei erkannt werden“, antwortete der Mann.

„Da kommt schon ein Bus, lauf hin und steig ein, Junge!“

Ich lief schnell vom Busch zur Straße und hielt den Bus an. Ich stieg ein. Auf dem Weg nach Saigon waren viele Fragen in meinem Kopf.

Wie viele Leute sind bei dieser Flucht gestorben und wie viele müssen zum Gefängnis gehen? Und wo ist meine Schwester und und….

Ich kam nach Hause mit einem Schock und war sehr erschöpft. Meine Eltern sahen mich mit Sorgen an.

„Was ist passiert, wo ist deine Schwester?“, fragten sie mich.

„Wir sind von der Polizei erwischt worden. Ich weiß auch nicht, wo Schwester ist“, antwortete ich ganz kurz.

Ich konnte ihnen nicht richtig erzählen und wollte auch nicht erzählen. Nur Ruhe brauchte ich. Ich ging nach oben ins Bett. Sofort schlief ich ein. Irgendwann wurde ich wach und ging wieder nach unten. Meine Schwester war schon zu Hause. Ein erleichtertes Gefühl bekam ich, als ich sie sah. Bei ihr war es genau so.

Von dem 1. Versuch haben meine Schwester und ich meinen Eltern nicht viel erzählt. Wenn wir ihnen alles ganz genau erzählt hätten, dann hätten wir sicherlich keinen weiteren Versuch unternehmen dürfen.

Beim 2. Versuch war ich nicht mit meiner Schwester zusammen, sie war bei einer anderen Organisation. Dieses Mal war meine Flucht nicht von Vung Tau aus sondern von einer kleinen Stadt im Süden. Ich wusste nicht, wie viel Zeit man für diese Organisation brauchte. Die Mutter meines Freundes war in der Organisation, sie hieß Dong. Frau Dong kam mit einem Mann zu uns, den ich (wir) nicht kannte(n). Der Mann stellte sich meinen Eltern vor. Dann sagte Frau Dong zu meinen Eltern: „Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen, Tin ist wie mein Sohn. Meine Leute passen auf ihn auf. Wenn etwas passieren sollte, bin ich dafür verantwortlich.“ Dieses Versprechen beruhigte meine Eltern. Ich verabschiedete mich von ihnen ganz schnell. In dem Moment war ich durcheinander. Ich wusste nicht, was ich zu meinen Eltern sagen sollte.

„Pass auf dich auf, mein Sohn! Dieses Mal bist du allein auf der Flucht. Ich mache mir große Sorgen“, sagte meine Mutter zu mir.

„Na, lass ihn gehen! Es wird nichts passieren. Er kommt schon hin“, tröstete mein Vater meine Mutter. Aber man merkte, dass seine Stimme nicht im normalen Zustand war.

So verließen wir unser Haus. Frau Dong ging mit uns zur Bushaltestelle, wo die Busse nach Süden fuhren. Der Mann und ich stiegen in den Bus ein. Frau Dong kam nicht mit. Sie sagte zu uns: „Ich komme ein paar Tage später, da ich hier noch etwas erledigen muss.“

Der Bus fuhr in Richtung Süden. Abends kamen wir in Can Tho an. Dort an der Bushaltestelle waren einige Mopedtaxen. Wir nahmen 2 Mopeds. Der Mann sagte zu den Mopedfahrern, wo wir hinfahren mussten. Nach einer Viertelstunde kamen wir zu einem Stadtteil. Wir gingen zu Fuß zu einem Haus. Das Haus lag in einem ruhigen Viertel. Er klopfte an die Tür an und vorsichtig machte ein Mann auf. Die beiden Männer kannten sich

schon. Der Mann, mit dem ich hierher gekommen war, verabschiedete sich von mir und verschwand schnell. Ich betrat das Haus. Der Hausbesitzer stellte sich mir vor und brachte mich nach oben. Dort waren 2 Männer, die Vietnam verlassen wollten. Wir stellten uns vor. Von einem Mann wusste ich, dass wir noch 2 Tage hier bleiben mussten, weil Frau Dong ihn über den Fluchtplan informiert hatte.

Die 2 Tage gingen schnell vorbei. Nach dem Plan sollten wir heute das Haus verlassen und die Flucht beginnen. Spätmachmittag kam der Hausbesitzer zu uns und gab Bescheid, dass wir ihm folgen sollten. Er brachte uns wieder zur Bushaltestelle. Da waren ein paar Leute, die wie Saigon-Bürger aussahen. Ich vermutete, dass sich diese Leute unserer Gruppe anschließen sollten.

Der Bus fuhr in Richtung Süden. Nach einer Stunde Fahrt kamen wir in einem kleinen Dorf an. Dort stiegen alle Fahrgäste aus. Wir gingen hintereinander in einer Schlange. Nach ca. 600 Metern von der Bushaltestelle gingen wir an einer Polizeistelle vorbei. Plötzlich hörten wir eine laute Stimme aus der Polizeistelle: „Halt, stehen bleiben, wo wollt ihr hingehen?“

„Oh, Gott! Sind wir von der Polizei erwischt worden oder was?“, dachte ich. Die Männer wollten abhauen. Aber es war zu spät. Mehrere Polizisten liefen schnell aus dem Haus. Sie waren bewaffnet. Sie schossen ein paar Mal in die Luft.

„Ihr solltet nicht versuchen wegzulaufen. Ihr habt keine Chance zu flüchten. Sonst schießen wir!“, sagte ein Polizist zu uns. Wir gingen mit ihnen zu dem Polizeigebäude. Wir waren mehr als 30 Personen. Zweidrittel waren Männer.

Sie sperrten uns in ein kleines Zimmer. Jemand sagte leise: „Versteckt sofort euer Gold, sonst wird alles von der Polizei weggenommen.“ Wir als Flüchtlinge hatten immer etwas dabei, entweder Gold oder US-Dollar. Falls auf der Flucht etwas passieren sollte, konnten wir mit diesen Mitteln bezahlen.

Der Mann, der neben mir saß, war ein muskulöser Mann. Er schluckte einen goldenen Ring runter. Bevor er ihn runterschluckte, formte er ihn in eine Elipsenform. Ich hatte nur eine Goldkette dabei. Die war schlecht runterzuschlucken. Falls man sie runterschlucken würde, könnte die Kette im Bauch bleiben. Das erklärte mir der Mann.

Wir wurden von Sicherheitsmännern nacheinander aufgerufen. Jeder von uns musste in ein anderes Zimmer gehen. Dort durchsuchten sie uns.

Ich wurde mit dem jungen Mann zusammen in ein Zimmer geschickt. Dort standen vier Polizisten in den Ecken und einer saß am Tisch. Dieser fragte uns Gefangene und schrieb auf, was wir ihm erzählten. Wenn er mit der Antwort eines Gefangenen unzufrieden war, gab er den vier Männern den Befehl, den Gefangenen zu treten und zu schlagen.

„Hast du Gold oder Geld dabei?“, fragte der Polizist den jungen Mann.

„Nein, ich habe nichts“, antwortete er.

„Kontrolliert ihn!“ Zwei Polizisten suchten seinen ganzen Körper ab, und fanden schließlich zwei Fünfzig-Dollar-Scheine.

„Du Lügner!“, schimpfte der Polizist mit dem Mann und schlug ihn mit der Faust ins Gesicht.

„Du musst alles ausziehen!“, befahl ihm der Polizist.

Nachdem der junge Mann seine Hose ausgezogen hatte, nahm der Polizist einen Stock und schlug damit auf den Penis des jungen Mannes.

„Au ah, ihr seid Unmenschen!“, schrie dieser. Der Polizist trat ihm in den Bauch. Der Mann flog zu einem der anderen Polizisten. Dieser sagte zu ihm: „Ihr sollt ihm zeigen, wie höflich man zu Polizeibeamten sein muss.“

Der arme junge Mann flog durch die Schlägerei der Polizisten von einer Ecke zur anderen. Ich verfolgte dieses Geschehen und zitterte die ganze Zeit.

„Junge, hast du gesehen? Na, was hast du dabei, Gold oder Dollars? Du musst ehrlich sein, sonst… du weisst Bescheid!“

Ich gab ihm meine Goldkette und sagte zu ihm: „Ich habe nur diese Goldkette, mehr nicht.“ Der eine durchsuchte meinen ganzen Körper, er fand nichts bei mir. Nach der Kontrolle fragte er mich, ob ich wüsste, dass ich ein Volksverräter wäre, wenn ich versuchte das Land zu verlassen.

„Nein, das wusste ich nicht“, antwortete ich ihm.

Eine Ohrfeige kriegte ich von ihm mit der Erklärung „Jetzt musst du es wissen oder!“ Mir tanzten die Sterne vor den Augen. Dann schickte er mich zurück in das Zimmer, wo ich am Anfang war.

Nach und nach wurde jeder kontrolliert. Ich schlief ein, weil es schon spät war. Irgendwann wurde ich von einer weinenden Frauenstimme geweckt. Einige Frauen mussten öfter zur Kontrolle kommen. Jedes Mal weinten sie, als sie zurückkamen. Keine von ihnen wollte erzählen, was mit ihnen passierte.

„Frau Yen, Sie müssen noch einmal zu uns kommen“, sagte ein Polizist.

„Ich war schon zweimal da, wie oft muss ich noch dahin gehen? Was wollen Sie von mir?“, fragte die Frau verärgert.

„Wir müssen Sie noch einmal kontrollieren, weil wir es nicht richtig gemacht haben, kommen Sie mit, keine Diskussion!“, befahl der Polizist.

Später erfuhren wir von einer Frau, dass sie sich ganz ausziehen musste. Unter Tränen erzählte sie es uns. Es war eine große Schande für die Frauen, so ausgenutzt zu werden.

Ein Tag später schickte uns die Polizei mit kleinen Booten zu einer Insel. Wir durften keine Schuhe tragen, wir mussten barfuss gehen. Die Polizisten banden uns unsere Arme hinter dem Rücken fest. Die Dorfbewohner standen auf beiden Seiten des Weges. Sie guckten uns mit traurigen Augen an. Wir stiegen aufs Boot. Es schaukelte hin und her. Wir konnten das Gleichgewicht nicht halten, da unsere Arme fest miteinander verbunden waren. Das Boot war sehr klein und konnte nur bis 8 Personen tragen. Aber nun befanden sich mehr als 10 Personen darauf. Ich saß am Boden und konnte mit meiner Hand das Flusswasser spüren! Wenn eine große Welle gekommen wäre, hätten wir keine Chance zu überleben, da wir uns nicht bewegen konnten.

Nach einer Stunde kamen wir zu einer Insel, auf dem sich ein Gefängnis befand. Das war gegen 9 Uhr abends. Im Gefängnis befanden sich über 40 Gefangene, der Raum aber war nur ca. 30m² groß.

Frauen und Männer waren getrennt. Im Gefängnis gab es einen „Boss“ (ein Krimineller); sonst waren dort nur Leute, die das Land verlassen wollten. Vor dem „Boss“ mussten wir schwören, dass wir nicht mehr versuchen würden zu flüchten.

Wir lagen auf dem Boden des Gefängnisses. Aber der Raum war zu klein, deswegen konnten wir nicht nebeneinander liegen. Einer musste sein Gesicht zu dem Fuß des anderen legen. Es gab keine Kopfkissen, keine Decken.

Zwei Stunden später wurden wir plötzlich von Lärm geweckt. Eine neue Gruppe Gefangene kam ins Gefängnis. In dieser Gruppe war ein Junge, der mit mir später die Flucht zusammen versuchen würde. Er hieß Chuong. 20 Personen waren in der Gruppe. Im Raum gab es nun über 60 Leute auf 30 m². Der Raum hatte keine Fenster und nur eine einzige Gittertür (der Haupteingang). Die Luft war so dick. Es roch nur nach Menschenschweiß.

Das Dach bestand aus Aluminium. Von dort tropfte es ab und zu nach unten, da es draußen kühler als drinnen war. Wir konnten nicht mehr liegen. Die Hälfte von uns musste sitzen und die andere Hälfte durfte liegen, nach ein paar Stunden wechselten wir uns ab.

Am ersten Tag erlebte ich im Gefängnis, was es hieß ein richtiger Gefangener in Vietnam zu sein. Es gab kein Klo, nur einen großen Eimer, in den man pinkeln und Stuhlgang machen konnte. Am Abend trugen zwei starke Männer den vollen Eimer nach draußen. Wir bekamen zweimal Essen am Tag. Es gab allerdings nur Reis, kein Fleisch oder Gemüse und auch kein Salz. Dieser Reis war wie Vogel- oder Schweinefutter, denn er war voll kleiner Steine. Wir konnten auch nicht duschen. Es gab keine Dusche. Wir bekamen 5 Liter Wasser pro Person in einer Kanne am Tag. Das Wasser nahm man direkt aus dem Fluss, deshalb war es alles andere als sauber. Wenn man dieses Wasser ein paar Minuten stehen ließ, tauchte der Dreck nach unten und bildete eine Schicht am Boden des Kanisters. Trinkwasser bekamen wir einmal am Tag 1 Liter pro Person.

Nach ein paar Tagen im Gefängnis versuchte ich nach draußen zu gehen um dort zu arbeiten. Die Erwachsenen mussten Zwangsarbeit leisten. Kinder und Jugendliche blieben im Gefängnis. Ich war noch jung, 13 Jahre alt. Daher durfte ich nicht arbeiten gehen. Aber ich konnte die Wärme und den Gestank des Pisseimers im Gefängnis nicht aushalten.

Tagsüber war es sehr heiss im Gefängnis, fast wie in einem Backofen. Man saß die ganze Zeit auf dem Boden und konnte sich nicht bewegen. Man schwitzte und stank wie ein Schwein. Die Leute, die draußen arbeiten mussten, bekamen wenigstens frische Luft. Sie konnten nach der Arbeit in den Fluss springen und baden, natürlich unter Aufsicht der Polizei.

Nach 5 Tagen überredete ich den Gefängnischef und bekam die Erlaubnis mit den anderen Männern nach draußen zu gehen und zu arbeiten. Das war die Baustelle eines Theaters. Wir mussten Steine tragen und sie den Maurern geben. Die Steine waren sehr schwer für mich. Aber ich fand es angenehmer als im Gefängnis zu bleiben. Eines Tages versuchte ein Mann wegzulaufen. Doch er wurde auf der Flucht ermordet. Die Polizisten erschossen ihn und sagten zu uns: „Wenn ihr leben wollt, versucht keine Dummheit zu machen. Ihr seht doch das Ergebnis des Versuchs. Das wäre das Ende eures Lebens.“

Ein paar Tage später kam Chuong auch zu mir und meiner Arbeit. Wir verstanden uns gut. Er versuchte mich zu überreden, mit ihm nach Hause zu fahren, d.h. dorthin, wo er wohnte. Aber das konnte ich ihm nicht versprechen, weil wir nicht wussten, wann wir freigelassen und ob wir beide auch gleichzeitig freikommen würden.

Nach ca. 4 Wochen im Gefängnis kam eine gute Nachricht. Heute mussten wir nicht arbeiten. Als wir aufgestanden sind, hörten wir von dem Gefängnischef:

„Ihr müsst heute erst um 10 Uhr arbeiten, weil gleich eine Liste kommt, auf der steht, wer von euch nach Hause gehen darf.“

Als wir das hörten, machten wir uns neue Hoffnung. Ich warf einen Blick auf Chuong und merkte, dass sein Blick auch zu mir kam. Chuong ging zu mir und flüsterte mir ins Ohr:

„Hey Bruder, ich bete für uns, dass wir gleichzeitig freigelassen werden.“

Aber gleichzeitig musste ich an ein anderes Problem denken und sagte zu ihm: „Wenn ich zu dir fahren werde, wird mich die Polizei auf der Straße kontrollieren. Dann kriege ich Probleme, weil ich momentan keine Papiere habe.“ (Er wohnte in einer Gegend nicht weit vom Meer, wo sehr viele Leute zu flüchten versuchten.)

„Nein, kein Problem, mein Vater kennt dort die Dorfpolizei. Mach dir keine Sorgen. Komm doch bitte mit mir nach Hause“, sagte er zu mir.

„OK, wenn es so ist, komme ich mit dir nach Hause“, antwortete ich ihm. Sein Gesicht strahlte so glücklich.

Gegen 10 Uhr kam ein Mann mit der Liste und rief die Namen auf. Er fing mit der Kinder- und Jugendliste an.

„Toan, komm zu mir!“
„Ja.“
„Huy, komm her…“
„Ja“ usw…

Ich bekam langsam Panik. Die 11. Person kam schon aus dem Gefängnis. Aber mein Name war noch nicht darunter - Chuongs Name auch nicht. Plötzlich hörte ich „Chuong“.

„Ja“, rief Chuong erfreut und glücklich.

Er kam kurz zu mir und sagte: „Du bist gleich dran.“ Mein Hals war so trocken. Ich konnte ihm kein Wort sagen. In dem Moment war ich ganz schön nervös.

Chuong tröstete mich: „Sei nicht traurig. Die Liste ist noch lang. Du kommst schon mit mir nach Hause.“ Und er legte seinen Arm auf meine Schulter und dieses Zeichen gab mir Hoffnung. Er ging zur Tür.

Nach einer Weile hörte ich meinen Namen: „Tin!“ Im ersten Augenblick glaubte ich noch nicht, was ich gerade gehört hatte.

„Ja!“ da schallte eine laute Stimme durch den Raum, aber es war nicht meine eigene, sondern die von Chuong. Er war so fröhlich und glücklich wie ich selbst. Sofort rannte ich zur Tür und stand neben ihm.

Er nahm meine Hand fest und sagte leise zu mir: „Ich hab’s dir doch gesagt.“

Wir hatten kein Geld für die Fahrt nach Hause bzw. zu Chuong. Aber er besaß noch eine Decke, die man verkaufen konnte. Wir gingen zum Markt. Dort versuchte Chuong die Decke zu verkaufen.Es klappte. Mit dem Geld kauften wir die Fahrkarten. Wir fuhren nach Rach Gia.

Ich blieb 3 Tage bei Chuong. Seine Familie war sehr nett zu mir. Sein Vater organisierte mit jemandem zusammen die nächste Flucht für ihn. Ich durfte es mit Chuong zusammen versuchen. Doch zuvor musste ich nach Hause fahren und meinen Eltern Bescheid geben. So verabschiedeten wir uns. Chuong brachte mich zur Bushaltestelle.

„Du fährst jetzt nach Hause und kommst in 2 Wochen zu uns“, sagte er.

Ich erklärte ihm: „2 Wochen sind zu knapp für mich bzw. für meine Eltern. Ich weiß nicht, ob sie mich gehen lassen werden. Aber ich versuche es.“

Nach 3 Wochen fuhr ich wieder nach Rach Gia zu Chuong. Zu diesem Zeitpunkt war er schon ein paar Tage weg. Seine Familie machte sich Sorgen um ihn. Solange ich in Vietnam war, hielt ich den Kontakt mit seiner Familie aufrecht.

Chuong habe ich nie wieder gesehen. Man hat nichts mehr von ihm gehört – bis heute.

Mein dritter Versuch war auch nicht erfolgreich. Die neuen Leute konnten nicht gut organisieren. Jemand von der Organisation holte mich von zuhause ab. Wir warteten an der Bushaltestelle über eine Stunde. Irgendwann kam jemand zu dem Mann, der mich abholte. Er sagte ihm, die Flucht wäre verschoben worden. Wir sollten zurück nach Hause fahren. Diese Organisation verschwand nach ein paar Monaten. Meine Eltern konnten das an sie für die Fluchthilfe im Voraus gezahlte Geld (drei Goldstücke, je 90 g) nicht zurück verlangen. Es war verloren.

Drei Goldstücke waren zu der Zeit der übliche Preis – manche verlangten mehr, manche weniger.

Meinen vierten Fluchtversuch unternahm ich mit der Organisation des Bruders meines Schwagers. Er hieß Bi. Dieses Mal versuchten wir es wieder in Phuoc Tinh, dem Dorf in der Nähe von Vung Tau. Wir mussten uns in verschiedenen Häusern einige Tage verstecken. Ich war mit 4 Leuten in einer Gruppe. Wir kannten uns nur in der Dunkelheit, da wir tagsüber im Haus bleiben mussten. Die Fenster und Haustüren waren immer zu. Im Haus konnte man etwas sehen, da das Tageslicht von draußen durch die Bambuswände drang.

Nach 2 Tagen Aufenthalt kam der Fluchttag. Wir verließen das Haus gegen 1 Uhr nachts. Ganz leise sollten wir versuchen zu laufen. Aber die Hunde bellten trotzdem, von Haus zu Haus bellten sie überall. Auf den Reisfeldern liefen mehrere Gruppen in Richtung Meer.

„Kommt schnell, beeilt euch, das Boot ist schon da!“

In unserer Gruppe war eine Frau. Sie konnte nicht gut laufen. Wir hielten uns Hand in Hand fest. Endlich erreichten wir das Ziel. Durch die Sterne sahen wir das Boot. Das war ein Chaos! Ein Haufen Menschen stand am Ufer. Jeder von ihnen wollte an Bord gehen.

Vor dem Boot standen die Ordner der Organisation. Sie hatten Stöcke in der Hand und schlugen sofort auf diejenigen ein, die ihnen nicht bekannt waren. Trotz allem versuchten einige unbekannte Männer an Bord zu kommen. Plötzlich kamen viele Leute mit Fackeln zum Ufer gelaufen. Das Licht erhellte den Strand. Schließlich verließ das Boot langsam das Ufer. Ich stand noch dort und konnte nicht einsteigen, weil die Ordner andere Leute und mich nicht einsteigen ließen.

Bi lief an mir vorbei. Er erkannte mich und sagte: „Oh, du bist noch hier. Komm schnell an Bord, sonst schaffst du es nicht mehr.“

„Aber diese Männer lassen mich nicht einsteigen, weil sie mich nicht kennen.“

„Er ist mein Kunde“, sagte Bi zu den Ordnern. Jetzt ließen sie mich zum Boot laufen.

Das Boot war schon einige Meter vom Ufer entfernt. Wie ein Blitz sprang ich ins Wasser und lief weiter zum Boot. Ich erreichte es an einer Stellte, an der ich noch stehen konnte. Mein Körper war halb im Wasser. Ich versuchte einzusteigen. Eine alte Frau, die an Bord war, versuchte meine Arme vom Boot los zu machen. Wütend fauchte sie mich an:

„Wer bist du? Willst du einfach umsonst mitfahren oder was?“
„Nein, nein, ich bin Kunde von Bi“, rief ich ihr zu.

„Den kenn ich nicht“, sagte die Frau und versuchte weiter meine Arme los zu machen.

Jemand schwamm ganz schnell vom Ufer zum Boot und konnte sofort einsteigen. Die Frau kannte ihn und sagte zu ihm:

„Dieser Junge will umsonst mitfahren, mach ihn los!“

Wie auf Befehl trat er mir mit ganzer Kraft in mein Gesicht, so dass mir die Sterne vor den Augen tanzten. Meine Hände lösten sich vom Boot.

„Hilfe, bitte Hilfe!“, schrie ich ganz laut.

In dem Moment konnte ich noch die Fackeln am Ufer sehen und das Geschrei der Leute hören. Mein Kopf war noch über dem Wasser. Ich versuchte noch zu schwimmen, aber das ging irgendwie nicht. Mein Körper sank langsam nach unten. Ich gab die Hoffnung nicht auf und versuchte weiterhin mich mit Beinen und Armen übers Wasser zu halten.

„Hilfe, Hilfe!!!!“

Es gelang nicht. Schon kam ein erster Schlug Wasser durch meine Nase und in meinen Mund. Ich holte Luft. Es kam keine Luft, sondern nur das Meer. Mein Kopf sank schon unter Wasser, nur meine Hand ragte noch hoch. In dem Augenblick stand der Tod vor meinen Augen, deshalb betete ich zu Buddha: „Bitte nimm mich mit, wenn ich sterbe!“

Ich war völlig erschöpft und konnte mich nun nicht mehr bewegen. Vor mir war nur noch alles schwarz.

Plötzlich spürte ich an meiner Hand irgendetwas. Auf einmal zog mich jemand aus dem Wasser raus. Im ersten Augenblick dachte ich, dass Buddha meine Hand nahm und mich mitnehmen wollte.

„Wach auf, wach auf!“, hörte ich und es schlug jemand auf meine Wange.

„Oh, du bist das“, schrie Bi. Ich lag offenbar auf seinem kleinen Boot, mit dem er noch einige Leute vom Strand zum Fluchtboot hatte bringen wollen. Dorthin fuhr er nun mit mir und seiner Freundin

Bi fragte mich: „Sollen wir dich zum Fluchtboot fahren oder willst du dich erst etwas erholen?“

Seine Freundin antwortete für mich: „Ja, er braucht ein bisschen Zeit, ich fahre ihn später hin, du kannst weiter fahren.“ Er ließ mich mit seiner Freundin auf einer kleinen Insel zurück und fuhr davon. Sie kümmerte sich um mich und brachte mich zu ihr, als ich wieder gehen konnte.

Als Bi einige Stunden später zurückkam, brachte er mich zu seiner Bambushütte, wo ich einen Tag blieb und mich erholte. Danach fuhr er mich auf seinem Moped nach Hause. Daheim erkundigten sich meine Eltern über die Flucht. Er erzählte kurz und sicherte ihnen zu noch eine weitere Flucht organisieren zu wollen. Beim nächsten Mal würde ich dabei sein. Aber meine Eltern machten mir nicht sehr viel Hoffnung und sagten zu mir:

„Lieber Junge! Wir glauben, dass du Vietnam nicht verlassen kannst. Vielleicht ist das dein Schicksal. Du hast es schon oft versucht. Aber bis jetzt hast du nur Pech gehabt.“

Ich musste meine Eltern überreden, einen weiteren Versuch zuzustimmen. „So oft habe ich es auch nicht versucht. Es gibt viele Leute, die es noch viel öfter versucht haben. Manche haben ihr Leben aufgegeben, weil sie das kommunistische System in Vietnam nicht akzeptieren konnten und sie in der Freiheit leben wollten.“ Meine Eltern konnten sehr gut verstehen, warum ich die Hoffnung nicht aufgab, weil sie selbst die Freiheit für mich (uns) erstrebten. Sie selbst konnten damals nicht versuchen zu flüchten, da sie unter der Kontrolle des Staates standen.

Bi kam regelmäßig wegen des nächsten Termins zu uns. Durch ihn erfuhren wir auch, dass die letzte Flucht nicht erfolgreich gewesen war. Seine Erzählung lautete: Nach 12 Tage auf dem Meer waren einige Leute verhungert und verdurstet. Das Boot hatte das Ziel verloren und war immer wieder im Kreis gefahren. Zum Schluss hatte ein staatliches Schiff dieses Boot noch im vietnamesischen Bereich abgefangen. Es war zum Festland zurück geschickt worden. Die Grenzpolizei hatte die Flüchtlinge ins Gefängnis gesperrt. So hatte ich Glück im Unglück gehabt, dadurch, dass ich nicht an Bord hatte gehen können.

Vier Monate später kam Bi zu uns und holte mich von zu Hause ab. Dieses Mal versuchten wir es von einem Dorf aus, das nicht so weit von dem Dorf des letzten Versuchs gelegen war. Wir mussten uns wieder in verschiedenen Häusern verstecken, aber nicht so lange wie bei den anderen Malen. Wir gingen zu Bis Haus. Es war aus Bambus, wie andere Häuser auf dem Lande. Er ließ mich dort allein zurück, doch am Abend kam er und brachte mich zu der Familie seiner Freundin. Wie in anderen Dörfern gab es überall kein Licht, auch keine Laterne auf den Dorfwegen. Man benutzte Öllampen im Haus.

Bei seiner Freundin durften wir nicht so laut reden, da die Nachbarn alles mitbekommen konnten, obwohl die Häuser nicht nebeneinander standen. Die Bambuswände waren ja ganz dünn. So mussten wir die ganze Zeit über flüstern.

Nach dem Abendessen wartete ich voller Aufregung auf den Beginn der Flucht. Es gab keinen richtigen Plan, wann es losgehen sollte. Es hing alles vom Wetter und von der Gelegenheit ab, d.h. von dem Moment, in dem die Grenzpolizei das Meer nicht mehr kontrollierte. Die Leute, die in solchen Dörfer lebten, kannten die Situation. Deshalb war es für sie kein großer Umstand. Gegen Mitternacht verließ ich mit der Schwester von Bis Freundin ganz leise das Haus. In der Dunkelheit konnte man nur wenig erkennen. Auf den Wegen waren einige Leute schon unterwegs. Sie beeilten sich sehr und waren ebenfalls sehr leise. Aber die Hunde hörten uns trotzdem und begannen zu bellen. Durch den klaren, sternenbeschienenen Himmel konnte man den Weg in etwa erkennen. Dieses Mal mussten wir bis zum Boot sehr weit laufen. Die Leute liefen in eine Richtung zum Ufer. Ich musste nur hinterher laufen. Die Wege auf den Feldern waren sehr nass und rutschig. Man konnte schnell hinfallen. Plötzlich kam von vorne der Befehl, dass wir uns sofort auf den Bauch legen sollten. Ein Paar Minuten vergingen, dann durften wir wieder aufstehen und weiter laufen. Leise hörte ich schon die Geräusche der Wellen. Wir mussten uns wieder auf den Bauch hinlegen. Es roch nach Meer.

„Pscht! wir sind schon nah am Ziel, wir warten noch auf das Schiff!“, sagte der eine.

In dem Moment konnte ich nichts sehen. Mein Herz schlug ganz schnell durch das Laufen und die Aufregung. Ich versuchte mein Umfeld zu erkennen. Nichts sah ich. Dann kurze Zeit später erblickte ich das erste Signallicht vom Meer her. Das war ein Freizeichen für uns.

„Kommt schnell an Bord!“, befahl uns jemand. Sofort rannten wir ganz schnell dorthin, von wo das Blinklicht kam.

Nun herrschte wieder ein Chaos. Wir mussten im Wasser zum Boot laufen, da das Boot nicht bis ganz ans Ufer kommen konnte. Mehr als 100 Leute versuchten an Bord zu gehen. Das Boot schaukelte hin und her, als die Leute einstiegen.

„Oh Gott, das Boot kann umkippen“, dachte ich. Plötzlich schrie jemand:

„Verteilt euch auf dem Boot, sonst wird es kentern!“ Die Leute, die schon an Bord waren, verteilten sich ganz schnell auf die andere Seite.

Endlich kam ich auch an Bord. Zum ersten Mal war ich auf einem Fluchtboot. Innerhalb von 15 Minuten waren alle zugestiegen. Das Boot war schon voll und verließ das Ufer. Wir mussten alle nach unten gehen. Nur 5 oder 6 Personen, die Mitarbeiter des Bootes, durften oben an Deck bleiben.

Die Luft im Unterdeck wurde ganz schnell schlecht durch die vielen Leute. Wir konnten nicht richtig sitzen. Das Boot war 3,5 Meter breit und 12,5 Meter lang und sehr viele Leute waren darauf.

Es entfernte sich langsam vom Ufer. Nach 1 Stunde kam die erste Welle, weil das Boot schon weit weg vom Festland war. Durch die Seekrankheit überkam mich die Übelkeit. Manche Leute mussten sich schon übergeben. Die Luft wurde nun durch das Erbrochene noch schlechter. Als ich diesen Geruch wahr nahm, musste ich mich auch übergeben. Die Leute lagen auf dem Boden des Bootes, da sie seekrank waren. Nur die Seemänner, die schon daran gewöhnt waren, konnten es aushalten.

Das Boot glitt langsam über den Kontrollbereich der Grenzpolizei. Frauen und Kinder durften an Deck gehen. Männer und Jugendliche mussten unten bleiben. Durch das Übergeben hatte ich irgendwie keine Kraft mehr und konnte nicht mehr sitzen. Ich versuchte meinen Rücken an die Wand des Bootes anzulehnen und schlief ein. Auch die anderen Leute lagen überall auf dem Boden, überwältigt von der Müdigkeit.

Als ich wach wurde, holte ich ein Stück Taiginseng und steckte es mir in den Mund. Ich wusste gar nicht, wie lange wir schon auf dem Meer trieben. Durch einen Gang zwischen dem oberen und dem unteren Teil des Bootes drangen Lichtstrahlen nach unten. Die Sonne stand schon hoch. Ich schätzte, dass es nun Mittag war. Durch die Hitze bekam man ganz schnell Durst. Die Leute verlangten nach Wasser. Einige Kinder schrien und weinten. Endlich kam das Wasser, wir bekamen 3 mal Wasser (3 Deckel) am Tag. Das reichte uns natürlich nicht. Aber wir sollten vernünftig bleiben und sparsam mit dem kostbaren Gut umgehen. Wir wussten nicht, wie lange unsere Flucht noch dauern würde. Gegen den Hunger bekamen wir Schnellnudeln. Die waren so trocken. Ich dachte, wenn ich sie essen würde, bekäme ich noch mehr Durst. Deswegen aß ich lieber nichts. Irgendwann konnte ich den Hunger aber nicht mehr aushalten und versuchte doch die Schnellnudeln zu kauen. Nach dem Essen bekam ich dann tatsächlich großen Durst. Ich musste aber eine ganze Zeit warten, bis das nächste Wasser kam.

Der erste Tag der Flucht ging vorbei. Ob Tag oder Nacht war, konnte ich nicht entscheiden, weil wir noch unten bleiben mussten. Ab und zu öffnete man die Deckluke,dann war der Himmel zu sehen und ich schätzte, wie spät es war. In der Nacht ließ man dann die Luke auf, da das Boot schon über die Grenze gefahren war.

Am zweiten Tag kam das erste Problem. Der Boden des Bootes war nicht mehr so dicht, es gab einen Riss. Durch das Übergewicht des Bootes, ist dieser Riss ganz schnell groß geworden. Die Männer mussten das Meerwasser wegschöpfen. Sie versuchten es mit einem Eimer. Die Leute arbeiteten in einer Kette. Der eine von unten gab den vollen Eimer dem anderen, der oben stand, und er gab den leeren Eimer wieder zurück. Andere Männer versuchten das Loch mit unseren Klamotten zu schließen. Es ging irgendwie. Das Wasser kam nicht mehr rein. Dann gab es aber wieder ein neues Loch. Dieses Loch war noch größer als das erste. Wir bekamen langsam Panik. Die Schicht des Bootbodens ging teilweise kaputt. Ich nahm das kaputte Stück des Bootbodens in die Hand. Das erschreckte mich so sehr. Der Zustand des Bootes war nicht mehr gut – das Holz schon morsch. Obwohl ich durch den Hunger und Durst sehr erschöpft war, bekam ich aufgrund des erschreckenden Anblicks irgendwie wieder Kraft. Ich wollte mitarbeiten bzw. mithelfen das Meerwasser zu schöpfen. Ich dachte, wenn das Boot kaputt gehen sollte, würden wir alle zusammen sterben. Schliesslich schöpfte ich zusammen mit den Männern das Wasser. Ich konnte es aber auch nicht lange aushalten. Wir mussten uns ständig abwechseln. Zwei Männer sprangen ins Wasser, weil sie versuchen wollten das Loch von draußen zu stopfen.

Nach mehreren Stunden konnten wir die Löcher tatsächlich schließen. Die Männer, die arbeiten mussten, durften etwas mehr Wasser als andere Leute bekommen. Das waren 2 Deckel voll Wasser. Ich war so glücklich, da ich auch etwas mehr Wasser bekommen durfte. Aber es löschte den Durst nicht. Durch die anstrengende Arbeit verlangte der Körper mehr Energie bzw. mehr Wasser. Plötzlich hörten wir den Motor des Bootes nicht mehr. Wir blieben liegen. Es gab ein Chaos auf dem Boot. Die Leute beschimpften sich wegen der schlechten Organisation. Sie fragten:

“Warum gehen die Sachen so schnell kaputt? Kann jemand den Motor reparieren?“

Ein Mann meldete sich, weil er etwas von Technik verstand. Er sprang mit 2 Männern ins Wasser. Sie arbeiteten unter dem Boot. Irgendwann sagte er zu dem Fahrer:

„Versuch mal den Motor zu starten!“ Der Fahrer startete den Motor. Es gab aber zunächst nur ein Geräusch „puh…puh….puh“. Dann kam plötzlich ein schwarzer Rauch aus dem Auspuff. Der Motor stand wieder. Alle wussten nicht, wie lange die Reparatur dauern würde. Das war eine harte Arbeit, da man lange im Wasser bleiben musste. Wenn ein Hai vorbeikommen würde, dann…

Nach mehrmaligen Startversuchen kam endlich das bekannte Geräusch des Motors wieder und das Boot konnte weiter fahren.

Wir waren nun schon 3 Tage auf dem Meer. Die Männer und die Jugendlichen durften ab und zu nach oben gehen und frische Luft schnappen. Durch die Reflektion des Sonnenlichts auf dem Wasserspiegel war es tagsüber sehr heiß auf dem Meer. Wir nahmen ständig Wasser vom Meer und schütteten es uns über den Körper wegen der Hitze. Aber in der Nacht war es sehr kühl.

Auf dem Boot gab es keine Toilette. Wenn wir mussten, machten wir einfach ins Meer. Aber im unteren Teil, wo Männer und Jugendliche bleiben mussten, roch es nach Abgasen und nach Erbrochenem. Als ich nach oben gehen durfte, sah ich ab und zu einige Schiffe, die vorbei fuhren. Wir versuchten durch Rauchzeichen SOS zu übermitteln. Aber die Schiffe hielten immer nur kurz an, beobachteten uns und fuhren dann weiter. Sie nahmen uns nicht auf. Ein Schiff machte sogar eine längere Pause. Die Besatzung warf für uns einige Packungen Lebensmittel ins Meer. Einige Jungen und Männer unserer Gruppe sprangen ins Wasser um die Packungen zu holen. Doch auch dieses Schiff fuhr weiter ohne uns aufzunehmen. Das war eine große Enttäuschung für uns. Irgendwann gaben wir die Hoffnung auf und dachten:

„Die Schiffe wollen uns nicht aufnehmen. Sie denken, dass unser Boot noch im guten Zustand ist.“ Aber sie wussten nicht, dass schon eine kleine Welle ausreichen würde, unser Boot untergehen zu lassen. Wir begannen zu beten. Die Katholiken zu Gott, die Buddhisten zu Buddha. Als die Nacht kam, hatte ich immer besonders große Angst. Auf dem Meer konnte man nicht sehen, wo der Himmel und wo das Meer waren. Überall herrschte nur tiefe Finsternis. Es war noch unheimlicher als sonst. Durch Hunger, Durst und Kälte bzw. Hitze war ich so erschöpft. Der Tod stand mir schon vor Augen. Ich dachte an meine Eltern, meine Geschwister, und bekam Tränen in die Augen. In diesem Augenblick dachte ich:

„Warum muss ich so früh sterben, allein im Ozean und ohne Verwandte in meiner Nähe?“ Doch ich bekam die Antwort selbst: „Ja, ich sterbe lieber für die Freiheit als in einem Land, wo es keine Freiheit gibt, leben zu müssen.“

In der Nacht sah man die Sterne am Himmel und hörte nur die Wellen. Ich bekam ein schreckliches Gefühl, als ob ich schon beim Sterben war.

Am 4.Tag war ich völlig fertig. Meine Lippen waren sehr trocken und sie bekamen schon ein paar Risse. Ich war wie andere Leute ganz still. Wir guckten uns mit ermüdeten Augen an. Keiner von uns sprach. Ich wusste nicht, was da oben auf Deck mit den Kindern passierte. Auf den Balken des Bootes saß ich, da der Boden schon kaputt war. Wir hörten die Wellen auf dem Meer. Ein Sonnenstrahl schien durchs Deck zu uns herunter. Die Hitze war schier unerträglich. Einige Leute versuchten heimlich ihren eigenen Urin zu trinken. Ich dachte: „Vielleicht hilft das den Durst zu löschen.“ Nach kurzer Überlegung versuchte ich es auch. Aber ich konnte nicht richtig pinkeln. Das waren nur wenige Tropfen, weil ich seit 3 Tagen kaum Wasser getrunken hatte. Der Urin war so dunkel und roch ganz stark. Ich versuchte ihn runterzuschlucken, aber es ging nicht. Ich musste ihn ausspucken. Es ging mir schlechter als vorher. Ich machte meine Augen zu und versuchte mich zu beruhigen.

Die Mütter nahmen ihre Kinder auf ihren Schoss und die Kinder lagen in ihnen mit verschlossenen Augen. Wir machten uns nicht viel Hoffnung, dass wir von irgendeinem Schiff gerettet werden würden, da viele Schiffe einfach vorbei fuhren. Dann versuchten wir zu einer Insel zu fahren. Das war völlig unklar, ob wir das schaffen könnten. Das war abhängig von dem Zustand des Bootes.

An einem Nachmittag war der Himmel immer dunkel. Es kamen schließlich sehr viele Wolken. Das Meer nahm eine graue Farbe an. Ich hatte keine Ahnung vom Wetter. Als ich es sah, dachte ich, dass es bald Gewitter geben würde. Einige Leute rechneten sogar mit einem Sturm. Ich konnte mir nicht vorstellen, was in den nächsten Stunden passieren würde. Ich betete darum, dass die nächste Stunde gut verlaufen würde, bereitete mich aber auf den Tod vor. Die Mittagsstunden gingen langsam vorbei. Es war ganz ruhig auf dem Meer, es gab keinen Wind. Die Dämmerung kam.

Als ich im Halbschlaf war, weckte mich jemand mit seiner lauten Stimme.

„Oh, ein Schiff in der Nähe!“
„Wo, wo ist es?“, fragten ein paar Leute.
„Da, da…“

Ich war neugierig wie alle anderen Leute unter Deck und versuchte meinen Blick über Deck in die Richtung zu lenken, in die man zeigte. Da war ein kleines Lämpchen, fast wie ein Stern am Himmel, aber gelb leuchtend.

„Hmm, macht euch keine Hoffnung! Sie werden wieder weiter fahren“, sagte einer.

Ich setze mich wieder hin und dachte: „Das ist nicht neu. Wir haben schon oft vorbeifahrende Schiffe gesehen.“

Wenige Minuten vergingen.

„Nein, das Schiff kommt zu uns!“, schrien jetzt mehrere Leute. Plötzlich wackelte unser Boot, weil viele Leute aufstanden. Sie schauten nun alle in eine Richtung.

„Bleibt ruhig! Ihr sollt ruhig bleiben, wir werden gerettet werden. Wenn ihr nicht vernünftig seid, gibt es Chaos. Das Boot wird vielleicht umkippen, und es wird einen schrecklichen Unfall geben. Ich bitte euch ganz ruhig zu bleiben“, rief der eine.

„Ja, das Schiff kommt zu uns. Wir leben, wir leben!“, kam es aus mehreren fröhlichen Stimmen. Ich dachte nicht richtig zu hören. Dann wollte ich auf Deck um nach draußen zu gucken. Tatsächlich war das Schiff schon vor unserem Boot mit vollem Licht. Die Leute unten versuchten nach oben zu gelangen. Einige sprangen sogar. Es gab in dem Moment ein riesiges Durcheinander. Das Boot wackelte immer stärker.

Ich war noch im Unterdeck und dachte, wenn das Boot umkippen sollte, dann hätte ich keine Chance zu überleben. Ich wäre dann mit anderen Leuten in einem geschlossenen Raum voller Wasser. Als ich so dachte, bekam ich ein kaltes Gefühl im Rücken. Die Männer versuchten weiterhin nach oben zu stürmen, mit der Begründung, dort den Kindern und Frauen helfen zu wollen.

„Bleibt vernünftig, sonst sterben wir alle!“, schrie einer wieder.

Trotz dieser Warnung waren die Leute unruhig. Jeder von uns wollte als erstes das große Schiff besteigen. Sie dachten, je schneller desto sicherer. Augenblicklich erinnerte ich mich an Nachrichten von verschiedenen Fluchten. Viele Flüchtlinge starben vor ihrer Rettung, weil die Boote umgekippt waren. Aufgrund ihrer Erschöpfung durch Hunger und Durst konnten die Menschen nicht mehr schwimmen.

Ich schaffte es nach oben zu kommen. Das Deck war voller Menschen. Die Matrosen des Schiffes warfen eine Netzleiter herunter. Einige Männer versuchten die beiden Seiten der Netzleiter festzuhalten. Die Frauen und Kinder kamen mit Hilfe der Matrosen an Bord.

Ich kletterte schnell die Netzleiter empor. Als ich an Bord war, sah ich, dass die Hälfte von uns bereits auf dem Schiff war. Mir schossen Tränen in die Augen, wie allen anderen Leuten auch. Mein Leben war gerettet, unser Leben war gerettet. In diesen Minuten konnte ich kein Wort sprechen. Mein Hals war so trocken vor Freude.

„Ich bin noch am Leben, jetzt bin ich in Sicherheit bzw. in der Freiheit“, dachte ich. Tränen flossen meine Wangen herunter.

Wir setzten uns auf den Boden. Eine Frau aus unserer Gruppe stand vorne mit dem Kapitän als Übersetzerin. Sie zählte wieviele Leute wir waren. Die Zählung ergab 110 Personen. Nach der Erklärung der Übersetzerin begriffen wir, dass es ein deutsches Handelsschiff war, das uns aufgenommen hatte. Das war gegen 20 Uhr. Nur 2 Stunden später kam der Sturm über den Ozean. Zum ersten Mal erlebte ich einen Sturm auf dem Ozean. Das war furchtbar. Ohne Aufnahme des deutschen Schiffes hätten wir sicher unser Leben verloren.

 

Der Kapitän erzählte uns später, dass er unser Boot gegen 19:30 Uhr zuerst gesehen hätte. Er hatte uns beobachtet und festgestellt: Der Zustand des Bootes war nicht mehr gut.


Sein Herz sagte ihm: „Du musst die Leute retten, du musst ihnen helfen, sie sind in großer Not.“ Er wusste genau, wenn er uns aufnehmen würde, dann bekäme er Schwierigkeiten von den Deutschen Behörden oder von seiner Reederei. Als Mensch konnte er aber die Leute nicht im Stich lassen und einfach weiter fahren, wie es die anderen Schiffe taten.


Der Kapitän entschied sich schließlich uns an Bord seines Schiffes, der „Anja Leonhardt“, aufzunehmen. Die „Anja Leonhardt“ befand sich zu diesem Zeitpunkt auf der Reise von Casablanca nach Taiwan.


Nachdem Kapitän Schander uns gerettet hatte, telegrafierte er zunächst ins Auswärtige Amt nach Bonn – das zu jener Zeit die Hauptstadt der Bundesrepublik war. Seine Nachricht traf jedoch an einem Freitagnachmittag ein, weshalb er zunächst niemanden erreichen konnte.


Es schloss sich nun eine viertägige Irrfahrt an, weil Taiwan – das Zielland der „Anja Leonhardt“ – dem Kapitän untersagte, in seine Hoheitsgewässer einzulaufen.


Zu guter Letzt hatten Bonn und die USA ihr Einverständnis erklärt, uns Flüchtlinge aufzunehmen und die Philippinen ließen das Schiff in Manila einlaufen.


Bei diesem Zwischenaufenthalt auf den Philippinen arbeitete ich in einem Büro des UNHCRs als Helfer für die Formularausfüllung. Ich hatte die Möglichkeit in die USA zu kommen, da die US Kommissare die Mitarbeiter bzw. Mithelfer nach kurzer Zeit nach Amerika mitnahmen. Aber seit dem Zeitpunkt, am dem das deutsche Schiff uns aufgenommen hatte, schlug mein Herz für Deutschland, deswegen kam ich hierher. Seitdem ist Deutschland für mich so etwas wie meine 2. Heimat geworden.


Am 28. April 2007 trafen sich die Vietnamesen in Troisdorf aus Anlass der Gedenksteinenthüllung. Von der Gruppe 110 waren auch einige Leute dort (die Gruppe ist auf der ganzen Welt verstreut). Sie freuten sich nach ca. 22 Jahren ihren Kapitän, Herrn Manfred Schander, wiederzusehen.


Ich habe die Bilder seiner Rettung einige Tage vor der Gedenksteinenthüllung in Troisdorf bekommen. Der Gedenkstein in Troisdorf ist ein Zeichen der Dankbarkeit gegenüber dem Deutschen Volk und der Deutschen Regierung und eine Erinnerung an die verstorbenen Menschen, die auf der Flucht von dem totalitären vietnamesischen Regime ihr Leben verloren.


Als ich in Troisdorf Herrn Schander zum ersten Mal wieder wieder sah, schlug mein Herz ganz stark vor Freude. Er nahm mich in den Arm und sagte: “Das ist mein verlorener Sohn.“


In diesem Moment wurde mir wieder bewusst: Ohne seine Hilfe hätten uns die Wellen des Meeres verschlungen, wir hätten den Tod gefunden und wären diejenigen gewesen, an die der Gedenkstein heute erinnert.


Im Namen der ganzen Gruppe 110 bedanken wir uns bei Herrn Manfred Schander nochmals aus tiefstem Herzen.


Bonn, im Sommer 2007



Originalbilder von der Rettung





























































































   
 Gedenksteinenthüllung in Troisdorf 2007