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Vietnam zwischen Marx und Moneten

Von Almut von Rickmann-Werder

Soeben in Hanoi angekommen verlasse ich mein Hotel. Ich denke sofort, ich müsse die ganze Zeit auf einer Seite der Straße verbringen. Die Aussicht, auf die andere Seite zu wechseln, erscheint mir sehr gering. Endlose Mopedschlangen quälen sich ohne anzuhalten vorbei.
Von Almut von Rickmann-Werder

Soeben in Hanoi angekommen verlasse ich mein Hotel. Ich denke sofort, ich müsse die ganze Zeit auf einer Seite der Straße verbringen. Die Aussicht, auf die andere Seite zu wechseln, erscheint mir sehr gering. Endlose Mopedschlangen quälen sich ohne anzuhalten vorbei.

So jongliere ich an der Straße entlang und mache mich diesseits ortskundig. Auch das funktioniert nicht gefahrlos, weil sämtliche Bürgersteige durch Mopeds zugestellt sind. Das lachende Gesicht eines Cyclo-Fahrers schaut mich an: "Where you from?" Ein Blick rundum belehrt mich, damit auf keinen Fall zu fahren, denn ich hänge ziemlich an meinem Leben. Nach einer Stunde brennt es in meiner Brust, weil sich stinkende Abgase in meiner Lunge festsetzen. Nun ist mir klar, warum viele mit einem Mundschutz unterwegs sind. Offensichtlich glauben sie, dass er etwas nützt.

Erst Tage später habe ich begriffen, wie das funktioniert mit dem Verkehr. Es ist eine Art Reißverschlusssystem, bei dem man sich einfach konsequent über die Straße einfädeln muss. Alle fahren dann vor und hinter einem vorbei, wobei wiederum Autos die Vorfahrt haben. Es sei denn, es ist ein Krankenwagen, für den wird nicht immer frei gemacht. Grundsätzlich ist das wichtigste Verkehrszeichen das Hupen. Hiervon wird viel Gebrauch gemacht, auf jeden Fall immer prophylaktisch, was den ohrenbetäubenden Verkehrslärm erklärt. Bislang scheint das mehr als Fortschritt denn als Umweltkatastrophe gesehen zu werden.

Foto: Mundschutz - Hilft angeblich gegen Abgase

Ich überlege kurz, warum ich überhaupt hier bin. Doch mich interessiert dieses Land mit dem in über dreißig Jahren Krieg gequälten und unterdrückten Volk, dass so zäh Widerstand geleistet hat. Nach dem letzten Krieg - nach inzwischen 30 Jahren - leiden noch immer Millionen von Vietnamesen unter den Folgen des verbrecherischen so genannten US-amerikanischen Krieges, große Gebiete sind nach wie vor unbewohnbar. Und unkultivierbar wegen Agent Orange, dem durch US-amerikanische Bomber versprühten Dioxin-Gift aus Deutschland.

Die neue Öffnung "Doi-moi"

1975 wurde Vietnam unter Führung des Nationalhelden Ho Chi Minh vom US-amerikanischen Krieg befreit. Liebevoll nennen viele ihn heute noch Onkel Ho. Noch hängen an jeder Ecke seine weisen Sprüche nebst sozialistischen Hochhalteparolen. Auf dem riesigen Plakat steht: "Lebt, kämpft, arbeitet und lernt nach dem Vorbild des großen Onkel Ho!" Das wirkt etwas verstaubt. Daneben auf Plakaten westliche Werbung, die genauso auffallend ist und so den Bruch in der Gesellschaft offensichtlich macht, der sich durch eine parallele Entwicklung zwischen dem Realsozialismus sowjetischer Prägung und dem Kapitalismus auftut.

Die Öffnung in Richtung Westen begann Ende der 1980er Jahre nach dem Zusammenbruch der Ostblock-Staaten und des RGW. Die Folge war ein völliges Ausfallen des Außenhandels der das Land vor riesige Probleme stellte, die durch die spätere Krise der "Tigerstaaten" noch verschärft wurden. Die neue Öffnung wird "Doi-moi" genannt und ist Vietnams Sonderweg. Die Bemühungen um eine Aufnahme in die WTO laufen auf Hochtouren. Inzwischen zeigt sich aber immer deutlicher der ungesunde Spagat zwischen Kapitalismus und Sozialismus dieser neuen Prägung.

Foto: Alte und neue Werbung - Onkel Ho und Baby

Trotz der enormen Schwierigkeiten hatte Vietnam im Jahr 2000 immerhin ein Wachstum von 6 Prozent. Handys haben inzwischen viele, aus allen körperlichen Lagen wird telefoniert. Mit dem Besitz eines Mopeds zusammen sicher Ausdruck eines gewissen Wohlstands. Die Schere in Vietnam verläuft indessen nicht nur zwischen dem eher kommunistischen Norden und dem kapitalistisch orientierten Süden. Vor allem verläuft sie zwischen Arm und Reich und klafft immer weiter auseinander. Zwischen endlos erscheinenden und Prosperität vortäuschenden Verkaufsräumen an den Straßen mit ewig gleichem Touristenkram, sieht man im hereinbrechenden Abend eine ansteigende Zahl von Bettlern und Behinderten, die auch etwas vom Wohlstand der Touristen abbekommen wollen. In Ho-Chi-Minh-Stadt fallen besonders viele Kinder auf, die von den Eltern zum Betteln auf die Straße geschickt werden. In Sekundenabständen werde ich von Losverkäufern angesprochen, oder Straßenhändler möchten mir einen Mundschutz, ein Feuerzeug oder Kaugummi aufschwatzen. An jeder Ecke findet man Garküchen oder Obstverkäufer. Irgendetwas muss verkauft werden, um in den nächsten Tag zu kommen. Mit schlechtem Gewissen quäle ich mich durch die Handelnden und Bittenden. Aus Solidarität möchte ich allen etwas abkaufen, doch das ist unmöglich. Mein "No, thank you" ist schnell eingeübt und kommt jetzt automatisch. Inzwischen ist der Spruch auf T-Shirt zu haben, damit man endlich den Mund halten kann. Einst schwebte Ho Chi Minh die klassenlose Gesellschaft vor, als er sagte: "Es gibt nichts, was schöner und herrlicher ist als Unabhängigkeit und Freiheit". Dem größten Teil der Vietnamesen verbleibt nur der erste Halbsatz von diesem Traum: "Es gibt nichts...".

Zerstörung gewachsener Strukturen

Foto: Besitz eines Mopeds - Ausdruck von Wohlstand

Vor allem die jungen Menschen träumen von einem "zivilisierten" Kapitalismus. Ich sehe, wie ein Hotel durch private Wachleute abgesperrt wird. Der Eingang ist geschmückt mit rosa Herzchen-Luftballons und einem Blumenkranz darum. Daneben steht ein Poster von fast zwei Quadratmetern, das ein überaus hübsches Hochzeitspaar zeigt. Ein großer Mercedes fährt vor. Das Paar steigt aus und macht deutlich, dass es stolzer Besitzer des Autos ist. Die Kleidung ist westlich und stammt wahrscheinlich aus einem der modernen Konsumpaläste mit westlicher Markenware zu westlichen Preisen, die sich hier kaum jemand leisten kann. Ausdruck einer neuen Geldelite. Die herumstehende staunende Armut wird durch die Wachleute auf Abstand gehalten. Schnell stellt sich die Frage, wie man in einem so armen Land zu solch einem teuren Auto kommt, auf das auch noch 300 Prozent Luxussteuer zu zahlen ist. Durch Insider werde ich später aufklärt: Korruption ist ein gängiges Mittel, um in Vietnam zu Vermögen zu kommen. Ob als Parteibonze oder als Kapitalist spielt dabei keine Rolle. Wer dieses Spiel nicht beherrscht, ist auf der Verliererseite.

Foto: Straßenhändler an jeder Ecke

Im Norden des Landes hatte die Armut in der Landbevölkerung zu Aufständen geführt, weil sich Hunger breit machte. Dort herrscht die kleinbäuerliche Familienwirtschaft auf 60 von insgesamt 83 Mio. Miniparzellen vor. Beschwörend wendet sich die Regierung an das Ausland mit der Bitte, die landwirtschaftliche Entwicklung zu unterstützen. Denn die Preisschere zwischen modernen Gebrauchsgütern und im Land unwirtschaftlich produzierten Nahrungsmitteln macht ein Überleben im ländlichen Raum zunehmend schwerer. Folgen hat die Entwicklung auch auf sozialem Gebiet. Das Auseinanderfallen der alten solidarischen Dorfgemeinschaften führt dazu, dass die Netze im Falle von Alter, Krankheit und Arbeitslosigkeit ihre Wirkung verlieren. Vor einigen Jahren wurden zudem die Krankenhäuser privatisiert. Wer nicht bezahlen kann, hat keinen Anspruch auf Versorgung und Heilung.

Die Abwanderung Junger in die Städte ist ungebrochen. Allein in Ho-Chi-Minh-Stadt leben fast 6 Mio. Menschen, ein Drittel davon Landflüchtlinge. Die Arbeitslosigkeit wird offiziell mit sieben Prozent angegeben, doch sie dürfte um ein Vielfaches höher liegen. In den Städten wächst die Arbeitslosigkeit stärker. Manche schätzen sie auf 25 Prozent. Das zwingt die Menschen, für wenig Geld zu arbeiten. Die Bevölkerungsentwicklung verschärft das Problem. Sie nimmt trotz staatlich geforderter Enthaltsamkeit schnell zu und wird das Land in wenigen Jahren vor noch viel größere Probleme stellen.

Marktradikalismus auf dem Vormarsch

Ein weiterer Grund für wachsende Armut ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Vielleicht schafft man es, für 50 Dollar im Monat in einer chinesischen Firma täglich 12 Stunden zu arbeiten, um billige Schuhe für Deutschland herzustellen. Immerhin ist Vietnam Deutschlands drittgrößter Schuhlieferant. Aber auch in Vietnam sind 50 Dollar zu wenig. Eine Familie braucht zum Überleben mindestens 150 Dollar, wobei der gesetzliche Mindestlohn zwischen 30 und 45 Dollar im Monat liegt. Ob er eingehalten wird, prüft niemand. Eine Reservearmee von 40 Mio. meist junger Vietnamesen steht bereit, für weniger zu arbeiten. Hat man es einmal in eine solche Schuhfabrik geschafft, gibt es keinerlei soziale Absicherung. Unabhängige Gewerkschaften zur Interessenvertretung gibt es nicht. Das Wort Arbeitsschutz ist unbekannt.

Da liegt es nahe, warum die Firmen ausländischer Investoren ungern Einblick in ihr geschäftliches Treiben geben möchten. Ihre abweisende Architektur macht das unzweifelhaft deutlich. Am Rande von Ho-Chi-Minh-Stadt stehen gefängnisgleiche Gebäudekomplexe, die keinerlei Einblick bieten, mit hohen Wänden, Stacheldraht, Elektrozaun und Wachleuten. Wenngleich die Entwicklung des Marktradikalismus fortschreitet, bremst die sozialistische Regierung ausländische Investitionsprojekte gelegentlich ab - offiziell. Inoffiziell gibt es das Heilmittel "off the record", mit dem bürokratische Hemmnisse wie geschmiert beseitigt werden. So führt das zu paradiesischen Zuständen für Investoren und einigen Parteibonzen. Es muss nicht erklärt werden, dass dies für die Entwicklung des Landes nur nachteilig sein muss. Und so macht sich seit Jahren Unmut breit. Kritiker, selbst aus den politischen Kadern, brachten ihre Erbitterung über die Zustände zum Ausdruck. Verrat an den sozialistischen Idealen, hieß es. Sie wurden kurzerhand aus der Partei ausgeschlossen oder bekamen Hausarrest. Im schlimmsten Fall gab es Erziehungslager. Man hört, dass vorsichtige Kritik wieder möglich ist, zu beweisen ist das aber nicht. Ausländische Presse außer der Bangkok Post gibt es nicht.

Ich kenne verschiedene asiatische Länder und immer wieder frage ich mich, wie halten die Menschen diese gesellschaftlichen Widersprüche aus, diese Umweltkatastrophe und dieses Verkehrschaos? Zunächst hatte ich die schnelle Antwort bereit, es müsse die sprichwörtliche asiatische Gleichmut sein. Inzwischen weiß ich, dass das falsch ist. Es ist das, was auch wir am liebsten in vergleichbaren Situationen machen: Augen zu und durch. Verdrängung als tägliche Übung, bis sich die bittere Wahrheit nicht mehr verleugnen lässt.


Fotos: arbeiterfotografie.com

Quelle: NRhZ-Online