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Einst loyal - aufständische vietnamesische Bauern hinterfragen die Parteiführung


AUS NEW AMERICA MEDIA

Als junge Frau Anfang 20, feudelte Frau Hao die Flure der französischen Fremdenlegion und hoffte auf den Sieg der Kommunisten.

Jetzt, als 80-jährige, kommt sie wöchentlich aus ihrem Dorf nach Hanoi, um vor den Regierungsgebäuden zu protestieren. Sie gehört zu jenen tausend Bauern, denen das Land von den örtlichen Behörden wieder weggenommen wurde in einem der bittersten und langwierigsten Auseinandersetzungen Vietnams um Ländereien.

aufstaendische bauern

Neben den Jahren der Gewalt, Verhaftungen und Gegenbeschuldigungen in ihrem Dorf, hat Frau Hao den Geist in der Partei und seiner Revolution nicht verloren, der das Leben der Landbevölkerung verbesserte und jene Gruppe immer noch zu den loyalsten Unterstützern gehört.

„Die Kommunistische Partei irrt sich“, sagte Frau Hao in einem Gespräch.

Ihr Ärger bezieht sich auf die, wie sie sagt, „Landräuber“.

„Die örtlichen Behörden sind gierig und korrupt. Die Entschädigungen, die sie uns anbieten sind zu wenig und die verkaufen das Land an Bauherren und machen den große Profit“, erklärte sie während einer ihrer üblichen Fahrten nach Hanoi mit anderen Bauern, des Dorfes Duong Noi.

Frau Hao war die Tochter einer landlosen Bauernfamilie, als der Krieg Anfang der 1950er Jahre zwischen der französischen Kolonialarmee und den Viet Minh im Delta des Roten Flusses tobte.

„Ich wurde eingezogen, um als Hausangestellte in den Barracken der französischen Soldaten zu arbeiten. Sie waren weiß und einige schwarz und sie hatten auch vietnamesische Truppen bei sich. Wir hassten die Soldaten, weil sie plünderten und unsere Pflanzen klauten“, sagte sie, als sie sich an den Unabhängigkeitskrieg erinnerte.

Ihr glücklichster Moment war nach dem Sieg der Kommunisten im Norden 1954, als das Land an die Bauern zum ersten Mal verteilt wurde.

„Es gab Knappheit und wir hatten nie genug zu essen, aber dann wurde uns zum ersten Mal Land zur Verfügung gestellt. Wir erhielten die Eigentumsurkunden. Wir waren so froh zu jener Zeit. Es gab so viele Feiern.“

Das Duong Noi von heute, am Rand der sich schnell ausdehnenden Hauptstadt, ist praktisch wieder ein Schlachtfeld.

Einige Bauern ziehen weg und akzeptieren die Entschädigung der Lokalregierung. Aber mehr als 300 Haushalte verweigern das Angebot und fordern besseren Ausgleich.

„Es ist wie ein Pulverfass. Die Anspannung ist so hoch und Gewalt kann jeder Zeit ausbrechen“, sagte der 60-jährige Nguyen Van Su, ein Nachbar von Frau Hao.

Planierraupen, unterstützt von Polizei und zivilen Einsatzkräften, kamen erstmals im Jahr 2010 und ebneten große Flächen rund um das Dorf für Bauvorhaben.

Sie kamen 2014 zurück und es gab gewalttätige Zusammenstöße, als Dorfbewohner versuchten sie daran zu hindern. Sieben Personen wurden festgenommen und zu Haftstrafen von bis zu 15 Monaten wegen Widerstand gegen die Behörden verurteilt.

Szenen aus Duong Noi, April 2014


„Ich habe überhaupt keine Angst vor der Polizei. Die liegen falsch. Die vertrieben mich und dadurch habe ich 15 Pflanzen verloren“, erzählte Frau Hao.

Dorfbewohner erzählen, dass die beschlagnahmten Ländereien durch Zäune und Wachpersonal gesichert werden. Die Grundstücke verfallen, darunter auch ein Friedhof, der von Räumfahrzeugen abgerissen wurde, bislang sind aber noch keine Gebäude errichtet worden.

Duong Noi ist nur ein Beispiel für die Auseinandersetzungen um Ländereien, die in den letzten Jahren, während Vietnams rasanten Wachstum der Industriewirtschaft, entbrannt sind.

Die Beschwerden der Bauern sind landesweit ähnlich. Sie sagen, dass die Ausgleichszahlungen, die ihnen Angeboten werden, lächerlich seien und nur den Bruchteil des Realwertes entsprächen.

Bei den älteren Bauern mag noch etwas Glaube an die Kommunistische Partei, die ihnen helfe könnte, verblieben sein, doch viele ihrer Kinder und Enkel ziehen einen anderen Rückschluss.

„Die Handlungen der Regierung sind illegal. Nach dem nationalen Gesetz besteht die Verpflichtung angemessene Entschädigung, Umsiedlung und Berufsfördermaßnahmen anzubieten, damit die Bauern sich eine neue Existenz aufbauen können“, sagte Trinh Ba Phuong aus Duong Noi. Der 30-jährige führt eine Kampagne der Bewohner Duong Nois und versucht Kontakte zu anderen unzufriedenen Bauern in ganz Vietnam herzustellen. Seine Mutter, Can Thi Thieu, gehörte zu jenen, die 2014 verhaftet wurden. Sie hatte gerade ihre Haftstrafe von 15 Monaten abgesessen, weil sie die gewaltsamen Auseinandersetzungen von einem Aussichtsturm gefilmt hatte, als die Polizei im Dorf eintraf.

Voller Freude wurde sie von Dorfbewohnern empfangen und machte allen klar, dass ihre Entschlossenheit weiter zu kämpfen durch den Gefängnisaufenthalt nicht gedämpft wurde.

„Die Behörden werden zunehmend repressiver und zunehmend radikaler in der Art, wie sie über unser Leben bestimmen. Sie entflammen nur Hass und Bemühungen der Leute sich gegen sie aufzulehnen“, sprach Can Thi Thieu in die Richtung der Zuschauermenge ihrer Unterstützer.

Die Bauern versuchen vermehrt ihren Einfluss durch die Zusammenarbeit mit noch unausgereiften bürgerlichen Organisationen zu verstärken, obwohl diese vom Staat überwacht, gestört oder gelegentlich auch von Verhaftungen durch die Polizei und ihren zivilen Helfern heimgesucht werden.

Sie sind eifrig in der juristischen Fortbildung und helfen der Organisation, damit sie den Behörden auf nationaler Ebene juristisch die Stirn bieten können.

Konflikte um Landnutzungsrechte werden in Vietnams staatlich kontrollierten Medien kaum erwähnt. Aber die Signale der Wut und die fordernden aufsässigen Bauern draußen vor den Regierungsgebäuden sind ein alltägliches Bild geworden, je mehr Landfläche durch sich ausdehnende Städte und Industriezonen geschluckt wird.

Es gibt auch weitverbreitete Berichte und Diskussionen in den sozialen Netzwerken, auf deren Informationen sich Millionen von Vietnamesen stützen.

Blog- und Facebook Netzwerke tischen die neusten Augenzeugenberichte, Videos, Fotos, Gerüchte und Unruhen der Dörfer auf.

Die Bedrohung vor wütenden Bauern und anderen unzufriedenen Gruppen konnten bislang einfach durch Vietnams ausgedehnten Staatssicherheitsapparat eingedämmt werden.

Die Kläger aus Duong Noi erzählen von Berichten, wie sie durch die „zivilen Banden* “ bedroht und eingeschüchtert wurden, die während der Proteste in Hanoi mit Messern bewaffnet waren.

Die Entscheidungen der Behörden, wann hart durchgegriffen oder wann etwas nachgegeben wird, ist sorgfältig abgestimmt. In vielen Fällen bedingt durch internationalen Druck.

Die Kommunistische Partei hat ihr langanhaltendes Monopol der Informationsauskunft verloren.

Die Misere der Bauern und ihren Unterstützern kann nicht länger versteckt werden - weder vor der vietnamesischen Öffentlichkeit, noch vor potentiellen wirtschaftlichen und diplomatischen Partnern im Ausland.

Ähnliche Proteste im Sommer 2015 in der Hai Duong Provinz. Ein Bagger fuhr absichtlich über eine Demonstrantin. Die Frau hatte großes Glück und trug nur Verletzungen im Schulterbereich davon.


Kommentar:
Die verbliebenen Bauern, die der Partei noch die Treue halten, haben scheinbar immer noch nicht die Ideologie ihres Staates verstanden: Es gibt kein Recht auf Eigentum, außer für die hohen Funktionäre. Die Frage ist, sollte man überhaupt Mitleid haben? Hatten diese Menschen damals auch Mitleid mit den Vorbesitzern, die durch die Kommunisten enteignet und von ihnen umgebracht oder ins Gefängnis geworfen wurden? Diese Frage ist schwierig zu beantworten für all jene, die damals auf Kosten anderer profitierten, nun selbst zum Opfer ihres eigenen Systems geworden sind und darüber klagen.


*In Vietnam gibt es einen Volks- bzw. Bürgerschutz, dabei handelt es sich um Personen, meist mit roten Armbinden, die der örtlichen Miliz oder Polizei als Handlager dienen, um im Vorfeld jegliche Form von Protesten zu verhindern. Ihre Hauptaufgabe besteht darin sinnlos herumzustehen bis sie eine Anweisung erhalten.


Quelle:
http://newamericamedia.org/2015/08/once-loyal---defiant-farmers-question-party-leadership.php