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Das vietnamesische Wertesystem

Das vietnamesische Wertesystem beruht auf vier Grundlagen: Loyalität der Familie gegenüber, Sehnsucht nach einem guten Namen, Liebe zum Lernen und Respekt vor anderen Leuten. Diese Grundlagen hängen eng zusammen.

Loyalität der Familie gegenüber

Der wichtigste Faktor im vietnamesischen Wertesystem ist zweifellos die Familie. Die Familie steht im Mittelpunkt des Denkens und Handelns des durchschnittlichen Vietnamesen und ist das Rückgrat der vietnamesischen Gesellschaft. Aufgrund des Prinzips der gemeinsamen und gegenseitigen Verantwortung strebt jedes Individuum danach, der Stolz der Familie zu sein.

Fehlverhalten eines Einzelnen wird nicht ihm allein zur Last gelegt, sondern auch den Eltern, Geschwistern, Verwandten und Vorfahren. Ebenso gereicht jeder Erfolg oder Ruhm eines Einzelnen der gesamten Familie zur Ehre. Das vietnamesische Kind wird von frühester Kindheit an dazu erzogen, sich selbst bereitwillig unterzuordnen zugunsten des Wohlergehens und der Harmonie der Familie. Im Zentrum des Familienkonzepts steht die Verpflichtung, die Eltern zu respektieren. Dies gilt als wichtigste Tugend in der vietnamesischen Gesellschaft. Man erwartet von einem Kind Dankbarkeit für seine Geburt, seine Versorgung und seine Erziehung durch die Eltern. Man bringt ihm bei, immer zuerst an die Eltern und die Vorfahren zu denken, selbst wenn es dadurch Nachteile in Kauf nehmen muss, für die Eltern Opfer zu bringen, sie im Alter zu lieben und zu versorgen. Ein Vietnamese, der seine Eltern nicht ausreichend respektiert, wird nicht nur von der eigenen Familie verachtet und ausgestoßen, sondern von der gesamten Gemeinde.

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Die innige Liebe zur Familie und die Bindung an sie werden auf die physische Umgebung ausgedehnt, wo die Familie sich befindet: das Heimatdorf. Der größte Wunsch des durchschnittlichen Vietnamesen ist es, wie es im Sprichwort heißt, in seinem Heimatdorf unter seinen eigenen Leuten zu sterben "wie ein Blatt, das den Ast verlässt, um am Fuße des Baumes zu Boden zu fallen." Das Heimatdorf ist nicht nur der Ort, wo er geboren wurde und aufwuchs und wo seine Eltern und seine Familie leben, sondern auch der Ort, wo seine Vorfahren begraben sind. Viele Vietnamesen, besonders in ländlichen Gegenden, ziehen nie weg aus ihren Heimatdörfern oder Provinzen. Diese tiefe Bindung an das Heimatdorf erklärt den Mangel an horizontaler Mobilität in der vietnamesischen Gesellschaft.

Das Konzept des "Guten Namens"

Der Wert, den die Vietnamesen einem "guten Namen" oder vielmehr einem "duftenden Namen" (danh thom) beimessen, darf nicht unterschätzt werden. Für einen Vietnamesen ist ein guter Name besser als jeglicher materielle Besitz dieser Welt. Indem er sich einen guten Namen sichert, kann ein Mann Respekt und Anerkennung von seinen Mitbürgern einfordern. Ein Reicher und Mächtiger mit einem schlechten Ruf wird verachtet, während ein Armer mit einem guten Namen geachtet wird. Man glaubt, das beste, das ein Mann zurücklassen kann, wenn er diese Welt verlassen hat, ist sein guter Ruf, mit dem er uns in Erinnerung bleibt. "Nach dem Tod lässt ein Tiger sein Fell zurück, ein Mann seinen Ruf" lautet ein Sprichwort. Das Verlangen nach einem guten Namen, nicht nur im Leben, sondern auch nach dem Tod, verrät die tiefe Sehnsucht des Vietnamesen, die Auflösung seiner körperlichen Hülle im Tod zu überwinden und in der Erinnerung seiner Nachkommen und der Gemeinde weiterzuleben.

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Ein Mann mit einem schlechten Namen wird von seinen Mitbürgern abgelehnt und bringt Schande über seine Familie. Er verliert das Gesicht, etwas Entsetzliches in einer ortsgebundenen Gesellschaft, wo jeder jeden kennt. Um einen guten Namen zu bekommen, muss ein Mann alle Worte und Taten vermeiden, die seine Würde und Ehre schädigen könnten. Es gibt drei Möglichkeiten, eine guten Namen zu erlangen: entweder durch Heldentaten, durch intellektuelle Leistungen, oder durch Moral und Tugend. Ein tugendhaftes Leben zu führen ist der einfachste Weg zum guten Namen, denn es gibt in unserem Alltagsleben wenig Gelegenheit für Heldentaten, und wenige Menschen sind intellektuell überdurchschnittlich begabt. Die Tugenden, die am meisten gepflegt werden, sind Sinn für Ehre, Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit, Bescheidenheit, Großzügigkeit und Geringschätzung materieller Gewinne, eben die Tugenden, die von der konfuzianischen Lehre am deutlichsten gefordert werden. In Anbetracht der starken Solidarität innerhalb der Familie ist es nicht verwunderlich, dass ein Vietnamese nicht nur für sich selbst einen guten Namen anstrebt, sondern auch für seine Eltern und Kinder.

Liebe zum Lernen

Der durchschnittliche Vietnamese scheint eine große Liebe zum Wissen und zum Lernen zu hegen. Er scheint besonderen Respekt und Achtung für Gelehrte zu empfinden. Wie der Tugendhafte, genießt auch der Gelehrte großes Prestige in der vietnamesischen Gesellschaft. Oft sind die beiden ein und derselbe. Die Vietnamesen verstehen Wissen und Tugend als zwei sich ergänzende Aspekte des idealen Mannes.

In Hanoi gibt es ein Denkmal für antike Gelehrte. Menschen, die mit Wissen und Lernen in Verbindung gebracht werden (Gelehrte, Schriftsteller und Lehrer) wurden immer schon hoch geachtet, nicht nur von den Studenten, sondern auch von deren Eltern und von Angehörigen aller Schichten der Gesellschaft.

Lernen wird höher geschätzt als Reichtum und materieller Erfolg. Reiche, die ungebildet sind werden oft von anderen gering geschätzt und sie selbst fühlen sich den gebildeten Armen unterlegen. Im traditionellen Gesellschaftssystem kam zuerst der Gelehrte, vor dem Bauern, dem Handwerker, und dem Händler. Auch heute noch werden Gelehrte hoch geachtet und respektiert. Die Liebe zum Lernen kommt nicht nur aus selbstlosen Motiven zustande. Die Verlockung, Prestige zu gewinnen, und die Aussicht auf einen höheren gesellschaftlichen Status sind die stärksten Triebfedern für das Aneignen von Wissen. Bildung stellt die wesentlichen Sprossen auf der gesellschaftlichen Leiter dar und bringt gute berufliche Chancen. Sie ist die Hauptkraft der vertikalen Mobilität in der vietnamesischen Gesellschaft.

Das Konzept des Respekts

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Von einem durchschnittlichen Vietnamesen wird erwartet, dass er allen Respekt entgegenbringt, die ihm an Alter, Status oder beruflicher Position überlegen sind. Zu Hause soll er seine Eltern, älteren Geschwister und älteren Verwandten respektieren. Dies wird ausgedrückt durch Gehorsam in Wort und Tat. Respekt ist Teil des Konzepts der Kindespflicht den Eltern gegenüber.

Außerhalb der Familie sollten ältere Menschen, Lehrer, Geistliche, Vorgesetzte und Arbeitgeber, sowie hohe Amtspersonen respektiert werden. Gelehrte und tugendhafte Menschen genießen Respekt und Ansehen. Aber Respekt ist keine Einbahnstraße. Der durchschnittliche Vietnamese erwartet auch, dass andere ihn respektieren, und zwar aufgrund seines Alters, seines Status oder seiner beruflichen Position. Besonderer Respekt wird erworben durch ein tugendhaftes Leben, durch Heldentaten oder durch das Erreichen hoher intellektueller Leistungen.

Respekt wird ausgedrückt durch bestimmte Verhaltensweisen und durch linguistische Feinheiten, über die die vietnamesische Sprache verfügt. *  Das ist einer der wesentlichen Faktoren im Wertesystem der Vietnamesen.


* Anmerkung der Übersetzerin: Die Anreden im Vietnamesischen sind viel komplizierter als im Deutschen, das nur "Du" oder "Sie" kennt, oder gar im Englischen, das nur die einzige Anrede "you" kennt. Selbst das Wort "ich" wird im Vietnamesischen unterschiedlich wiedergegeben, je nachdem, wen man anspricht.


Quelle: www.vietnam-culture.com