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Der Herr des Fadens und die Monddame - Ong To Ba Nguyet

Vietnamesische Märchen/Mythen

Chung Hao war Sohn eines hohen Mandarins. Er war besonders begabt. Mit zwölf Jahren las, interpretierte und rezitierte er auswendig die gesamten klassischen Werke. Er verfasste selbst wunderschöne Gedichte, die die Freunde seines Vaters, selbst Mandarine, in Bewunderung versetzten. Seine Kalligraphien waren im ganzen Land hoch geschätzt und dem Jadekaiser würdig.
All dieser Lob stieg dem Jungen zu Kopf. Er wurde übermütig. Er war sich seiner Intelligenz und seiner besonderen Stellung in der Gesellschaft bewusst.

Wie es in Asien üblich war, fragten oft Erwachsene jüngere Leute nach ihrem Ehewunsch. Das Gründen einer Familie war in Asien einer der wichtigsten Zwecke des menschlichen Daseins.  Gute Ehevermittler hatten große finanzielle und gesellschaftliche Vorteile: Wenn die Eheleute glücklich miteinander waren, waren sie verpflichtet, dem Vermittler entsprechend ihrer gesellschaftlichen Stellung beizustehen.  Deswegen wollten viele Leute dem Knaben Chung Hao eine Frau vermitteln, weil er einer großen und einflussreichen Familie angehörte.  Auf diese Frage antwortete Chung Hao stets stolz: "Wenn ich erwachsen bin, werde ich die Schönste, die Intelligenteste, die Reichste zur Gemahlin nehmen. Keine andere ist meiner würdig."

Eines Tages, während einer Jagd, die sein Vater für den König veranstaltete, verirrte sich Chung Hao ohne sein Gefolge im Wald. Die Nacht brach ein. Chung Hao lief mutterseelenallein durch die Dunkelheit.  Er kam irgendwann an einer kleinen Lichtung an, in der ein Fels zum Himmel ragte.  Der Mond schien ganz hell. Vor dem Fels sah er eine weißhaarige Frau, die beim Spinnen war.  Immer noch stolz, trat er zu ihr hin und fragte: "Frau, ich habe mich im Wald verirrt. Wo befinde ich mich jetzt? Und was machen Sie mit diesen roten Fäden mitten im Wald?"
Die alte Frau guckte ihn ganz kurz an und spann weiter.

"Gnädige Großmutter, wo bin ich?" fragte nochmals Chung Hao, kleinlaut. "Dies ist die himmlische Höhle. Ich bin die Monddame. Ich binde die Eheschicksale der Menschen auf der Erde zusammen." "Eheschicksal?" "Ja. Siehst du diese roten Fäden? Wenn ich viele davon zusammenbinde, werden die beiden Menschen sich sehr lieben und sich niemals trennen. Je weniger Fäden ich benutze, je weniger werden sie sich lieben. Alles liegt in meiner Hand." Neugierig wollte Chung Hao etwas über sein Eheschicksal wissen: "Wenn es so ist, Gnädige Großmutter, könnten Sie mir sagen, wen ich heiraten werde, wenn ich erwachsen bin?"

Die Monddame - bà Nguyêt - zeigte in eine Richtung. Im Mondschein sah Chung Hao den Eingang einer Höhle. "Das ist die Aufgabe des Herrn des Fadens. Er trifft Entscheidungen und ich führe sie durch. Geh hinein und frag ihn."
Chung Hao ging in die Höhle hinein. Die Höhle war ganz hell. Er sah einen alten weißhaarigen Mann und stellte ihm seine Frage, nachdem er sich vorgestellt hatte. Der Herr des Fadens - ông To - schlug in seinen Registern nach. "Mal sehen, mal sehen. Du bist Chung Hao, Sohn des Mandarin-Königsvertrauten Chung Truc, Enkel des Mandarin-Königsberaters Chung Nhât, Urenkel des Mandarin-Königsberaters Chung Doi. Nach den Angaben im letzten Register wird deine andere Hälfte To Lan sein. Sie ist die Tochter einer blinden Bettlerin, Enkelin eines verkrüppelten Bettlers, vom Ost-Markt." Chung Hao war erschüttert. Das war eine große Schande für ihn, ein Genie und Mitglied einer großen und einflussreichen Familie. Ohne sich von den beiden Herrschaften zu verabschieden, rannte er schnell aus der Höhle. Er kam zu Hause an. Sein Vater war erleichtert, denn er hatte seine Gefolgsleute in alle Himmelsrichtungen geschickt, um Chung Hao zu finden.

Einige Tage später begab sich Chung Hao mit sehr wenigen Gefolgsleuten auf den Ost-Markt, auf der Suche nach der blinden Bettlerin und deren Tochter. Am frühen Abend wurde er fündig. Das kleine Mädchen sah schlimmer aus, als er es sich je hatte vorstellen können. Es war verschmiert, schmutzig und in Lumpen gekleidet. Er fragte nach dem Namen des Mädchens und erfuhr, dass sie To Lan hieß. So entfernte er sich von den beiden Frauen. "Sie, die schmutzige Tochter einer blinden Bettlerin! Sie sollte meine Ehefrau werden? Die Gemahlin eines angesehenen Mandarins? Ein Mitglied meiner Familie? Nie und niemals !" Mörderische Gedanken traten wie Blitze in seinen Kopf. Er schickte sein Gefolge nach Hause und wartete allein am Straßenrand auf die Frau und das Kind. Als es dunkler wurde, kamen sie. Chung Hao nahm einen großen Stein, warf ihn mit großer Wucht an den Hinterkopf des kleinen Mädchens und flüchtete. Seit diesem Tag sah man die Bettlerin mit ihrer Tochter nicht mehr auf dem Ost-Markt. Jahre vergingen. Chung Hao bestand die Aufnahmeprüfung am Kaiserhof und wurde ein hoher Mandarin.

Die Zeit verging und er fand keine Ehefrau, die zu ihm passte. Eines Tages hörte er von der schönen und intelligenten Tochter des Gouverneurs der Nachbarprovinz, die außerdem Kalligraphie und klassische Literatur beherrschte. Er schickte Vermittler mit zahlreichen wertvollen Geschenken dorthin. Die Eltern des Mädchens gaben seinem Wunsch statt, ihre Tochter zu heiraten. Sie feierten Hochzeit, 100 Tage und 100 Nächte lang. Alle Gäste waren von der Schönheit und Intelligenz der Braut, von den Reichtümern beider Familien tief beeindruckt. Chung Hao und seine Frau lebten glücklich und bekamen viele Söhne. Endlich hatte Chung Hao seine Ziele erreicht: hohes Ansehen, eine schöne, intelligente Ehefrau und viele intelligente, gesunde Söhne. Das Erlebnis von damals rückte noch weiter in die Traumwelt.

Eines Tages bemerkte Chung Hao eine große Narbe am Hinterkopf seiner Frau. Nach dem Grund gefragt, antwortet sie weinend: "Mein Geburtsname ist To Lan. Als ich Kleinkind war, ging ich mit meiner Mutter auf den Ost-Markt um zu betteln. Eines Tages griff mich ein Lausbub mit einem Stein grundlos an. Ich wurde ohnmächtig. Zum Glück nahmen sich Leute auf dem Markt meiner an. Kurz danach rettete meine Mutter mit Kräuterbehandlungen das Leben des einzigen Kindes des hiesigen Gouverneurs. Als meine Mutter plötzlich verunglückte, wurde ich vom Gouverneur adoptiert. Ich wurde wie eine Adelige großgezogen. Ich lernte unter anderem das schöne Malen und Schreiben.
Viele junge Männer haben um meine Hand angehalten. Meine Eltern haben immer abgelehnt. Ich weiß immer noch nicht, warum mein Vater bei dir "ja" gesagt hat."

Fazit: Was der Herr des Fadens (ông To) und die Monddame (bà Nguyêt) einfädeln, wird geschehen, ob der Mensch es will oder nicht.
Dies nennen wir Vietnamesen "duyên no": Ehe-Schuld-Schicksal.

In Vietnam sagen wir:
Huu duyên thiên ly nang trong ngo
Vô duyên doi diên bat tuong phung.

Wenn "duyên" (Eheschicksal) zwischen zwei Menschen besteht, werden diese beiden Personen am Ende zusammen sein, auch wenn sie sich 1000 Meilen von einander entfernt befinden. Wenn "duyên" zwischen zwei Menschen nicht besteht, werden sie sich nicht verständigen, nicht zusammen bleiben können, auch wenn sie sich gegenüberstehen.

Aus dem bekannten Epos "Truyên Kiêu" :

Ong To ghet bo chi nhau
Chua vui xum hop, da sau chia phoi.

Es ist nutzlos, sich zu hassen, denn es ist der Herr des Fadens, der über Kummer, Trennungen sowie Freude und Wiederfinden entscheidet.