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Die Geschichte von Tam und Cam

Es war einmal ein Mann, der lebte zusammen mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter Tam. Sie waren brave Leute und führten ein glückliches Leben, bis die Frau starb. Nach einigen Jahren heiratete er wieder, aber die zweite Ehefrau war böse.

Am Tag nach der Hochzeit, als im Haus ein großes Festmahl stattfand, sperrte man die kleine Tam in ein Zimmer, statt ihr zu erlauben, die Gäste zu begrüßen und am Fest teilzunehmen. Sie wurde sogar ohne Abendessen ins Bett geschickt.

Es wurde noch schlimmer, als eine weitere Tochter zur Welt kam. Dieses Kind wurde Cam genannt und von beiden Eltern innig geliebt. Für die arme Tam wurde die Lage nun schwieriger als je zuvor, und die Stiefmutter erzählte dem Vater Lügen über sie, so dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte.

"Bleib in der Küche und störe uns nicht, du unartiges Kind", pflegte die böse Stiefmutter zu sagen.

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Sie wies dem kleinen Mädchen einen armseligen, schmutzigen Platz in der Küche zu, und dort musste sie leben und arbeiten. Nachts schlief sie auf einer kaputten Matte, und sie hatte nur ein zerschlissenes Laken, um sich zuzudecken. Tam war gezwungen, die Fussböden zu schrubben, Holz zu hacken, das Vieh zu füttern, zu kochen, zu waschen und noch vieles mehr. Ihre zarten kleinen Hände waren ganz zerschunden, aber sie ertrug den Schmerz ohne Klage. Die Stiefmutter schickte sie oft in den tiefen Wald, um Holz zu sammeln, wobei sie insgeheim hoffte, dass ein wildes Tier das Mädchen verschleppen würde. Sie ließ Tam Wasser holen aus gefährlich tiefen Brunnen und hoffte, sie würde hineinfallen und ertrinken.

Tam arbeitete so hart, dass ihre Haut dunkel wurde von Schmutz und Fett, und ihr Haar zerzaust und strähnig. Immer wenn sie zum Brunnen ging um Wasser zu holen, schaute sie ihr Spiegelbild an und erschrak, wie schmutzig und hässlich sie geworden war. Sie nahm etwas Wasser in die Hand, wusch sich das Gesicht und kämmte ihr langes glattes Haar mit den Fingern. Ihre zarte weiße Haut kam wieder zum Vorschein.

Als die böse Stiefmutter erkannte, wie hübsch Tam aussehen konnte, hasste sie sie mehr als je zuvor und wollte ihr noch mehr Schaden zufügen. Eines Tages Sagte sie zu Tam und ihrer eigenen Tochter, Cam, sie sollten im Dorfteich fischen gehen.

"Versucht viele Fische zu fangen“, sagte sie, " wenn ihr mit wenigen zurückkommt, werdet ihr ausgepeitscht und ohne Abendessen ins Bett geschickt."

Tam wusste, dass diese Worte nur an sie gerichtet waren, denn die Stiefmutter würde niemals daran denken, Cam zu schlagen, die ihr ans Herz gewachsen war. Aber Tam war mittlerweile an Peitschenhiebe gewöhnt.

Tam fischte eifrig, und am Ende des Tages hatte sie einen Korb voller Fische. Cam jedoch verbrachte den Tag damit, sich im weichen Gras zu wälzen, Blumen zu pflücken, sich zu sonnen, zu tanzen und zu singen. Die Sonne war bereits untergegangen, ehe Cam auch nur anfing zu fischen. Sie schaute auf Tams vollen Korb und ihren eigenen, der leer war. Da kam ihr eine Idee.

"Schwester, Schwester", rief sie, "dein Haar ist voller Schmutz. Warum watest du nicht ins frische Wasser und wäscht dein Haar? Sonst schimpft dich die Mutter."

Tam hörte auf diesen Rat und schwamm hinaus ins Wasser, um ihr Haar zu waschen. Inzwischen schüttete Cam Tams Fische in ihren eigenen Korb und lief nach Hause.

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Als Tam ans Ufer zurückkehrte und bemerkte, dass ihre Fische gestohlen worden waren, wurde ihr das Herz schwer und sie begann bitterlich zu weinen. Sie war sich sicher, dass die Stiefmutter sie hart bestrafen würde.

Plötzlich wehte ein frischer, sanfter Wind, der Himmel wurde klarer und die Wolken weißer, und sie sah vor sich die lächelnde, blau gekleidete Göttin der Barmherzigkeit mit einem grünen Weidenzweig.

"Was hast du, liebes Kind?" fragte die Göttin mit ihrer reinen, süßen Stimme.

Tam erzählte alles was geschehen war und fügte hinzu, "Edle Dame, was soll ich tun, wenn ich heute abend nach Hause komme? Ich habe solche Angst, denn meine Stiefmutter wird mir nicht glauben, dass die Fische gestohlen wurden. Sie wird mich ganz schlimm auspeitschen."

Die Göttin der Barmherzigkeit tröstete sie: "Dein Unglück wird bald vorüber sein. Hab Vertrauen zu mir und sei guten Mutes. Nun sieh in deinen Korb, ob noch etwas darin ist."

Tam schaute in den Korb und sah einen wunderschönen kleinen Fisch mit roten Flossen und goldenen Augen. Sie stieß einen überraschten Schrei aus.

Die Göttin riet ihr, den Fisch mit nach Hause zu nehmen, ihn in den Brunnen hinter dem Haus zu setzen, und ihn dreimal täglich mit dem zu füttern, was sie von ihrem eigenen Essen abgeben konnte.

Tam dankte der Göttin überschwänglich und tat, was diese ihr aufgetragen hatte. Wann immer sie zum Brunnen ging, erschien der Fisch an der Wasseroberfläche um sie zu begrüßen, aber er zeigte sich nie anderen Leuten.

Der Stiefmutter fiel Tams seltsames Verhalten auf und sie begann ihr nachzuspionieren. Sie ging zum Brunnen und suchte den Fisch, aber er versteckte sich im tiefen Wasser. Dann schmiedete sie einen finsteren Plan. Eines Tages befahl sie Tam, Wasser aus einer weit entfernten Quelle zu holen, und während das Mädchen fort war, verkleidete sie sich in Tams alten zerlumpten Sachen und ging zum Brunnen. Sie rief  den Fisch und als er an die Oberfläche kam, fing sie in mit einem Netz und aß ihn zum Abendessen.

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Als Tam nach Hause kam, ging sie sofort zum Brunnen und rief und rief, aber der goldene Fisch erschien nicht. Dann sah sie, dass die Wasseroberfläche voll Blut war und erkannte die Wahrheit. Tam lehnte sich an den Brunnen und weinte bitterlich.

Die Göttin der Barmherzigkeit erschien ihr abermals, und wie eine liebevolle und mitleidige Mutter tröstete sie das Kind.

"Weine nicht“, sagte sie. "Deine Stiefmutter hat den Fisch geschlachtet und gegessen, aber du musst nun seine Gräten finden und sie unter deiner Matte im Boden vergraben. Bete zu ihnen und was du dir wünscht, das wird in Erfüllung gehen."

Tam befolgte die Anweisungen der Göttin und suchte nach den Fischgräten, aber sie konnte keine Spur von ihnen entdecken.

"Gack, gack, „ sagte eine Henne.“Gib mir Reis, dann zeige ich dir die Gräten!"

Tam gab ihr eine Handvoll Reis und die Henne sagte: "Gack, gack, folge mir!"

Als sie zum Hühnerhof kamen, scharrte die Henne im Misthaufen und legte die Fischgräten frei. Tam sammelte sie ein und begrub sie wie es ihr aufgetragen worden war. Es dauerte nicht lange und sie bekam Gold und Edelsteine, dazu Kleider aus so wunderbarem Tuch, dass sie das Herz eines jeden jungen Mädchens erfreut hätten.

Bald kam die Zeit für das Herbstfest, aber Tam sollte zu Hause bleiben und zwei große Körbe mit schwarzen und grünen Bohnen sortieren, die die böse Stiefmutter absichtlich vermischt hatte.

"Wenn du mit der Arbeit fertig bist, „ sagte sie, "kannst du zum Fest gehen, aber vorher nicht."

Dann legten die Stiefmutter und Cam ihre schönsten Kleider an und gingen. Als sie einige Zeit fort waren, erhob Tam ihr tränenüberströmtes Gesicht zum Himmel und betete:

"Oh hilfreiche Göttin der Barmherzigkeit, steh mir bei!"

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Die sanftmütige Göttin erschien sofort. Mit ihrem Zauberstab aus grüner Weide verwandelte sie die kleinen Fliegen in Spatzen, die für das Mädchen die Bohnen sortierten. Tam trocknete ihre Tränen, zog ein Kleid in glänzendem Blau und Silber an und ging zum Fest.

Cam war überrascht, ihre Halbschwester auf dem Fest zu sehen, und flüsterte ihrer Mutter zu:

"Jene reiche Dame sieht meiner Schwester Tam so ähnlich."

Als Tam bemerkte, dass ihre Stiefmutter und Cam sie anschauten, rannte sie so eilig davon, dass sie einen ihrer feinen Schuhe verlor.

Ein Adliger vom Königshof fand den Schuh und brachte ihn zum König.

Der König untersuchte den Schuh sorgfältig und erklärte, er habe noch nie zuvor ein solches Kunstwerk gesehen. Er bat die Hofdamen, ihn anzuprobieren, aber der Schuh war selbst für kleinste Füße der Hofdamen zu klein. Dann sandte er Boten durch das ganze Königreich mit dem Befehl, dass alle Frauen überall den Schuh anprobieren sollten, aber er passte keiner. Schließlich ließ er verkünden, dass diejenige, der dieser Schuh passte, seine Königin werden sollte.

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Schließlich war Tam an der Reihe, den Schuh anzuprobieren. Er passte perfekt. Dann erschien sie mit beiden Schuhen und ihrem glänzenden blau-silbernen Kleid am Königshof. Sie war wunderschön anzusehen. Sie wurde mit dem König vermählt, und zum großen Hochzeitsfest erschienen viele hohe Würdenträger. Fortan führte sie ein prächtiges und glückliches Leben.

All das war zu viel die Stiefmutter und Cam. Sie konnten es nicht ertragen, Tam so glücklich zu sehen und hätten sie am liebsten umgebracht. Aber da Tam unter dem Schutz des Königs stand, fürchteten sie sich.

Am Gedenktag ihres Vaters kehrte Tam nach Hause zurück, um dieses feierliche Ritual gemeinsam mit ihrer Familie zu begehen. Damals wurde von jedem, egal wie hoch und wichtig er war, erwartet, dass er sich den Eltern gegenüber wie ein gehorsames Kind verhielt. Die schlaue Stiefmutter nutzte diesen Brauch zu ihrem Vorteil und bat Tam, auf einen Arekabaum zu klettern, um einige Nüsse für die Gäste zu pflücken. Da Tam die Königin war, hätte sie sich weigern können, aber sie war eine fromme und pflichtbewusste Tochter, und so kletterte sie auf den Baum. Als sie oben war, spürte sie, wie der Baum auf seltsame und beängstigende Weise hin- und herschwang.

"Was tust du da?" fragte sie ihre Stiefmutter.

"Ich versuche nur, die Ameisen zu erschrecken, damit sie dich nicht beißen, liebes Kind“, kam die Antwort.

Tatsächlich jedoch hatte die böse Stiefmutter eine Axt geholt und sie fällte den Baum, der mit lautem Krachen umfiel. Die arme Tam war sofort tot.

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"Jetzt sind wir sie los!" sagte die schreckliche Frau mit einem hässlichen Lachen. "Sie wird nie wiederkehren. Wir werden dem König mitteilen, dass sie bei einem Unfall ums Leben kam und du, meine geliebte Tochter Cam, wirst an ihrer Stelle Königin sein!"

Alles ereignete sich so, wie sie es geplant hatte. Cam wurde die Frau des Königs.

Aber Tams reine und unschuldige Seele konnte keine Ruhe finden. Sie wurde in eine Nachtigall verwandelt, die in einem lieblichen Hain nahe beim Garten des Königs lebte.

Eines Tages hängte eine Kammerjungfer die mit Drachen bestickte Robe es Königs zum Lüften auf und da sang die Nachtigall mit ihrer melodischen Stimme:

"Oh süße Maid, sei vorsichtig mit der Robe meines Gatten und lege sie nicht auf eine Dornenhecke."

Die Nachtigall sang so süß, dass sie die Herzen aller rührte, die sie hörten. Sogar der König fühlte sich von ihrer Stimme angezogen. Sie sang so traurig, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Schließlich sagte der König:

"Entzückende Nachtigall, wenn du die Seele meiner geliebten Frau bist, dann setz dich in meinen weiten Ärmel."

Der sanftmütige Vogel flog geradewegs in den Ärmel des Königs und rieb seinen glatten Kopf an seiner Hand.

Die Nachtigall wurde in einen goldenen Käfig im Schlafzimmer des Königs gesetzt. Der König gewann sie so lieb, dass er den ganzen Tag beim Käfig blieb und ihren wunderschönen, wehmütigen Liedern lauschte.

Cam wurde eifersüchtig auf die Nachtigall und beriet sich mit ihrer Mutter. Eines Tages, als der König mit seinen Ministern im Rat saß, tötete Cam den Vogel und warf die Federn in die königlichen Gärten.

"Was hat das zu bedeuten?" fragte der König, als er den leeren Käfig sah.

Im Palast herrschte große Verwirrung. Jeder suchte nach der Nachtigall, aber niemand konnte sie finden.

"Vielleicht wurde ihr langweilig und sie flog davon“, sagte Cam.

Der König war sehr traurig, aber er konnte nichts tun als sich damit abzufinden.

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Wieder einmal wurde Tams ruhelose Seele verwandelt. Dieses Mal wurde sie zu einem großen, prächtigen Baum. Er trug nur eine einzige Frucht, aber welch eine wunderbare Frucht war dies! Sie war vollkommen rund, groß und duftete süß. Eine alte Frau, die an dem Baum vorbeikam und die schöne Frucht sah, sagte:

"Goldene Frucht, Goldene Frucht,
fall in die Tasche dieser alten Frau.
Sie wird dich niemals essen,
sie wird dich behalten und deine Schönheit genießen."

Die Frucht fiel sofort in die Tasche der alten Frau. Sie nahm sie mit nach Hause und genoß ihren Anblick und ihren süßen Duft. Aber als sie am nächsten Tag von einer Besorgung nach Hause kam, fand sie zu ihrer Überraschung das Haus sauber und ordentlich vor, und eine leckere, warme Mahlzeit erwartete sie. All dies war wie von Zauberhand während ihrer Abwesenheit erledigt worden.

Am folgenden Morgen tat die Alte so, als ob sie fortgehen wollte, aber sie kehrte heimlich um und beobachtete das Haus. Bald erblickte sie eine schöne, zarte Dame, die aus der Frucht stieg. Noch überraschter war sie, als die Dame anfing, das Haus sauberzumachen. Die alte Frau eilte ins Zimmer und zog die Schale der Frucht ab, so dass sich die schöne Dame nicht mehr darin verstecken konnte. Die junge Dame musste dann im Haus bleiben und die Alte als ihre Mutter ansehen.

Eines Tages ging der König auf die Jagd und verirrte sich. Er sah das Haus der alten Frau und bat um Obdach. Wie es der Brauch war, bot sie ihm Tee und Betel an. Dem König fiel auf, wie geschickt der Betel zubereitet worden war, und fragte:

"Wer hat den Betel hergerichtet? Der sieht genauso aus wie ihn meine geliebte, verstorbene Frau anzurichten pflegte."

Mit zitternder Stimme antwortete die Alte: "Sohn des Himmels, es war meine unwürdige Tochter."

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Der König befahl, dass die Tochter zu ihm gebracht würde. Als sie hereinkam, verbeugte sie sich tief, und sofort erkannte er, dass sie Tam, seine geliebte Königin, war. Sie weinten beide bittere Tränen nach so langer Trennung und so viel Unglück. Tam kehrte mit dem König in die Hauptstadt zurück, wo sie wieder ihren Platz als erste Ehefrau und rechtmäßige Königin einnahm.

Cam vergaß der König völlig.

Sie dachte bei sich: "Wenn ich so schön wie meine Schwester wäre, dann könnte ich des Königs Herz gewinnen." Sie fragte die Königin: "Liebste Schwester, wie kann meine Haut so weiß wie deine werden?"

"Es ist ganz einfach“, sagte die Königin, die sich über Cams böse Absichten nun voll und ganz im Klaren war, "du musst nur in einen Kessel mit kochendem Wasser springen."

Cam glaubte ihr und tat es.

Das war Cams Ende, sie war sofort tot.

Als die böse Stiefmutter von Cams Tod hörte, weinte sie so lange, bis sie davon blind wurde, und kurz darauf starb sie an gebrochenem Herzen.

Königin Tam war nun von ihren Feinden befreit und sie lebte fortan glücklich und in Frieden.

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