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Soziale und gesellschaftliche Aspekte der vietnamesischen Gesellschaft

Zusammenhänge zwischen vietnamesischer und chinesischer Kultur

Obwohl in Ostasien ebensosehr wie im Westen jedes Volk seine ausgeprägte Eigenart hat, gibt es doch eine Reihe gemeinsamer Züge.


Dies trifft besonders für die Vietnamesen und die Chinesen zu, zumal Vietnam während über 1000 Jahren, von 111 v. Chr. bis 939 n. Chr., unter chinesischer Oberhoheit stand und auch später noch für viele Jahrhunderte den Kaisern von China tributpflichtig blieb.


Wir finden daher in der vietnamesischen und in der chinesischen Kultur viele gemeinsame Elemente, wie z.B. den Konfuzianismus, den Ahnenkult, die beherrschende Stellung der Familie in der Gesellschaftsstruktur, den Kalender nach dem Mondzyklus.


Die Rolle der chinesischen Sprache in Vietnam läßt sich etwa mit derjenigen des Lateinischen in Europa vergleichen.

Bis ins 13. Jahrhundert schrieben die Dichter und Gelehrten fast auschließlich chinesisch, und erst zögernd begann man sich dann der eigenen Sprache zu bedienen.

Praktisch alle wissenschaftlichen und technischen Ausdrücke werden aus dem chinesischen abgeleitet, wie unser wissenschaftlich-technisches Vokabular größenteils aus dem Lateinischen und Griechischen stammt.

Bis ins frühe 20. Jahrhundert schrieb man das Vietnamesische mit vereinfachten chinesischen Schriftzeichen.
Erst in der Kolonialzeit setzte sich unter dem Einfluß der französischen Schulen die ursprünglich im 17. Jahrhundert von portugiesischen Missionaren eingeführte lateinische Schrift durch.

(...)



Die vietnamesische Familie
Wie im ganzen ostasiatischen Raum spielt in Vietnam die Familie eine bedeutende Rolle.

Der Vietnamese versteht sich nicht wie der Mitteleuropäer als Einzelmensch, sondern primär als Mitglied einer Familie.

Alle Entscheidungen werden, wenn irgend möglich, im Familienverband getroffen. Der Familienrat, der für alle wichtigen Entscheidungen in aller Form einberufen wird, tagt vor dem Ahnenaltar.
Er umfaßt nicht nur die ganze Großfamilie, inbegriffen alle Geschwister, Onkel und Tanten des Familienoberhauptes, sondern nach vietnamesischer Vorstellung auch die verstorbenen Ahnen.
Ihnen werden die Probleme vorgelegt. Ihnen gebührt auch Dank, wenn eine gute Lösung gefunden werden kann.

Zu den Geschäften, die die Einberufung des Familienrats erfordern, gehört beispielsweise die Heirat.

In früheren Zeiten wurden Heiraten, oft ohne Wissen der direkt Beteiligten, zwischen den beidseitigen Familien vereinbart.

Heute suchen sich die jungen Leute meist selbst ihren Partner und schlagen ihn der Familie vor. Den Entscheid wird aber der Familienrat fällen, und falls er negativ sein sollte, werden es nur wenige junge Vietnamesen wagen, das Veto zu mißachten. Das würde Ausschluß aus der Familie bedeuten, und das ist für einen Vietnamesen fast gleichbedeutend mit dem Ausschluß aus der Gesellschaft schlechthin.

In der Familie hat jedes Mitglied eine klar umschriebene Funktion.

Um uns hier auf die Kernfamilie (die in städtischen Verhältnissen heute die Regel ist) zu beschränken, ist der Mann das Familienoberhaupt, das die Familie in allen wichtigen Belangen vertritt.

Vietnamesen pflegen aber ihre Gattin oft scherzhaft als "mein Innenminister" zu bezeichnen und damit anzudeuten, dass innerhalb des Hauses sie die Autorität ausübt.

Soweit wir das bei Besuchen in vietnamesischen Familien feststellen konnten, wird diese Funktionsaufteilung strikt respektiert.

Unter den Kindern sind Rechte und Pflichten nach Alter und Geschlecht abgestuft. Die älteren Geschwister haben mehr Pflichten, aber auch mehr Rechte.

Wenn man in einer vietnamesischen Familie, die keine Haushaltshilfe hat, zu Gast ist, ist es beeindruckend zu sehen, wie jedes Kind seine Gastgeberrolle kennt und ausübt und dafür auch die gebührende Anerkennung erhält.

Entsprechend unterscheidet die vietnamesische Sprache zwischen älteren Brüdern ("anh") und Schwestern ("chi") und jüngeren Geschwistern ("em"). Der Vietnamese kann nicht, wie wir von "seinem Bruder" reden; dafür hat seine Sprache kein Wort. Er muß ihn entweder als "anh", den älteren Bruder, oder als "em", den jüngeren Bruder bezeichnen.

In der Familie hat vor allem der erstgeborene Sohn eine wichtige Funktion im Zusammenhang mit dem Ahnenkult. Es war die Regel, dass bei der Erbteilung ein Teil des Vermögens ausgeschieden wurde für Grabunterhalt und Familienfeierlichkeiten, und es war Aufgabe des Ältesten, diesen Vermögensteil mit der auferlegten Bestimmung zu verwalten.

Jährlich am Todestag des letztverstorbenen Vorfahren bzw. der Eltern und Großeltern kommt die ganze Familie zusammen; die Organisation dieser Zusammenkunft und ihre Finanzierung aus dem Sonderfond obliegt dem Ältesten.

Diese Funktion war vor der kommunistischen Machtübernahme öffentlich anerkannt, so dass Beamte beispielsweise für die Organisation ihrer Familienfeiern Urlaub erhielten.

Die Auswirkung dieser Familienstruktur sind sehr interessant.

Die Tatsache, dass jedermann in der Familie eine bestimmte Rolle mit klar umschriebenen Pflichten und Rechten hat, verleiht dem Vietnamesen eine große Sicherheit im sozialen Bereich.

Der Vietnamese ist im allgemeinen ausgeglichener als der Europäer. (...)



Die Übertragung des Familienmusters auf die Gesellschaftsstruktur

Die Rolle der Familie wird besonders deutlich im sozialen Verhalten der Vietnamesen.

Die vietnamesische Sprache kennt keine persönlichen Fürwörter wie "ich", "du", "er", "Sie".

Man spricht den Gesprächspartner meist als Familienmitgleid an, wobei sein Alter und seine soziale Stellung für die Wahl des Wortes ausschlaggebend sind.

Der Sprechende bezeichnet sich selbst dann mit der Komplementärfunktion.

Die üblichen Anreden gegenüber Respektspersonen oder Unbekannten, von denen man annimmt, dass sie mindestens die gleiche soziale Stellung wie der Sprechende selbst haben, ist "ông", Großvater, und "ba", Großmutter. Sich selbst bezeichnet man dann als "tôi", was mit "Sklave" oder "untertänigster Diener" übersetzt werden könnte.

Wenn ich einen höheren Beamten um eine Besprechung bitten wollte, müßte ich also übersetzt sagen: "Wäre der Großvater bereit, den untertänigsten Diener zu empfangen"?

Unter Bekannten bezeichnet man sich dagegen gerne als "ältere(r) Bruder (Schwester) - jüngeres Geschwister" oder verwendet andere Verwandtschaftsbezeichnungen, um kompliziertere gesellschaftliche Unterschiede auszudrücken.

Dabei kommt es auch zur vertretungsweisen Verwandtschaftsbezeichnung, wie wenn bei uns ein Mann seine Frau "Mutter" nennt, weil die Kinder sie "Mutter" rufen.

Hausangestellte werden z.B. als "chi" (ältere Schwester) oder "anh" (ältere Bruder) bezeichnet, weil sie für die Kinder diese Stellung innehaben.

Kein Vietnamese kann mit einem anderen dauernde Beziehungen aufbauen, ohne dass die beiderseitige gesellschaftliche Stellung genau festgelegt wird; dazu wird er von seiner Sprache her gezwungen.

Aus dem Vorausgehenden dürfte klar werden, dass die vietnamesische Gesellschaft streng hierarchisch aufgebaut ist.

Das Familienmuster wird auf das Lehrer-Schüler- bzw.Vorgesetzte - Untergebene -Verhältnis übertragen.

Die Lehrerstellung ist die eines Vaters.

Der Vorgesetzte, oder allgemein der Höhergestellte, hat, wie der Vater bzw. der ältere Bruder, mehr Rechte seinen Untergebenen gegenüber.
Er hat aber auch entsprechende Pflichten.

Dem Höhergestellten schuldet man Respekt wie dem Vater/ älterem Bruder.
Dieser Respekt erfordert, dass man dem Höhergestellten keine schlechten Nachrichten geben und ihm nie nein sagen darf.



Schüler-Lehrer-Beziehung

Ein traditioneller Meister oder Lehrer ist nicht einfach nur ein Trainer, den man beliebig austauschen kann, sondern ein väterlicher Lehrer.

Die traditionelle Lehrer-Schüler-Beziehung ist eine sehr enge familiäre Beziehung.

Damals lebte der Schüler mit dem Lehrer zusammen, als wenn dieser vom Meister adoptiert worden wäre.

Sie teilten den Alltag miteinander und nutzten ihn für Lektionen zum Verhalten und zur Weltanschauung.

Nicht so lange her, noch in den siebziger Jahren, sorgte der Schüler in Vietnam für seinen Meister in Form von Hilfe zum Lebensunterhalt, bei der alltäglichen Arbeit, auf gesundheitlicher Ebene und bei den Verpflichtungen des Lehrers.

So war gewährleistet, dass der Meister durch diese Entlastung zumindest Zeit für den Unterricht, und Zeit für seine weitere eigene Entwicklung hatte.

Eine optimale Lehrer-Schüler-Beziehung ist geprägt von Vertrauen und ist immer eine familiäre Beziehung mit allen Konsequenzen.



Das Ja und das Nein

"Nein" gibt es nur in unhöflicher Form: "không"

Der Vietnamese sagt in der Regel "Ja-Nein", "da không", wenn er "NEIN" sagen will.

Wenn er "JA" sagen will, sagt er "da có", wörtlich übersetzt: "ja haben".

in Vietnamese wird auf Fragen in der Regel mit "Ja" antworten, erstens weil "nein" unhöflich wäre, zweitens weil sich sein "ja" gar nicht auf den Inhalt der Frage bezieht, sondern lediglich bestätigt, dass er sie gehört hat.

Das Ja hat etwa denselben Stellenwert wie unser "Wir bestätigen den Erhalt Ihres Briefes", womit wir ja auch nichts zum Inhalt aussagen.

Das Ja bestätigt die Bereitschaft zum Gespräch, und es ist dann nötig, dass man weiter spricht unter Vermeidung von Fragen, auf die man mit Ja oder Nein antworten müßte.

Ein Vietnamese, der (nach unserer Interpretation) mit seinem Jawort etwas "versprochen" hat und sich dann nicht daran hält, ist von seiner Kultur her gesehen nicht wortbrüchig oder unzuverlässig.

Es wäre im Gegenteil an uns gewesen, ihm Gelegenheit zu geben, über allfällig voraussehbare Schwierigkeiten zu sprechen, ohne seinem Gesprächspartner gegenüber unhöflich sein zu müssen oder sonstwie das Gesicht zu verlieren.

Die Höflichkeit gebietet auch, dass man einem Höhergestellten nur Gutes sagt.

Berichte sind daher oft schönfärberisch, was von Europäern dann fälschlich als Unaufrichtigkeit oder Mangel an Verantwortungsbewußtsein bewertet wird.

Kann eine unangenehme Nachricht nicht verschwiegen werden, muss man sie wenigstens entschärfen.

So kann es vorkommen, dass einem ein Vietnamese - was für Europäer absolut schockierend ist - lachend erzählt, er habe eben erfahren, sein Sohn sei im Krieg gefallen.

Übersetzt kann dies bedeuten: "Die Nachricht ist für mich zwar schrecklich, aber sie braucht dich nicht zu betrüben; sieh, ich habe sogar ein Lachen bereit."
Selbstverständlich wird man nicht in das Lachen einstimmen, sondern Teilnahme bezeugen, wie man es auch in Europa täte.




Der Vorrang der Familie vor dem einzelnen

Nach der konfuzianischen Lehre hat der Mensch in erster Linie an das Wohl seiner Familie zu denken.

Das soziale Verhalten, die Rechte und Pflichten, die er der Gesellschaft und dem Staat gegenüber hat, lernt er als Glied einer Familie.

Ohne die streng geordnete Familienstruktur wäre die Staats- und Gesellschaftsordnung undenkbar.

Das Wohl der Familie hat daher Vorrang vor dem des Staates.
Im Zweifelsfall, wenn z.B. die Familie gegen die Regierung konspiriert, muss man seiner Familie gegenüber loyal sein und nicht dem Staat, selbst wenn man Staatsbeamter ist.

Es läßt sich leicht denken, wie viele Gewissenskonflikte diese Lehre in den Wirren der letzten Jahrhunderte hervorgerufen hat.

Der einzelne hat aber auch sein persönliches Wohlergehen dem Wohl der Familie zu opfern.

Wenn das Einkommen der Eltern nicht ausreicht, ist es selbstverständlich (wie das auch bei uns früher noch üblich war), dass die älteren Kinder arbeiten gehen müssen, um wenigsten den jüngeren eine Ausbildung zu ermöglichen.

Das berühmteste Werk der klassischen vietnamesischen Literatur, "Doan-truong tân-thanh" ("Das neue Lied vom gebrochenen Herzen") von Nguyên-Du (1765-1820) erzählt die Geschichte des Mädchens Thuy-Kiêu, älteste Tochter eines Mannes, der in Schulden gerät, die sich trotz ihrer Liebe zu ihrem Verlobten Kim-Trong als Konkubine an einen reichen Mann verkauft, um ihren Vater auszulösen.
Thuy-Kiêu wird später an ein Bordell weiterverkauft, und ihr Abstieg von Demütigung zu Demütigung wird geschildert.

Dieses Werk ist (oder war?) Pflichtlektüre an allen vietnamesischen Schulen und jedem Vietnamesen bekannt. Thuy-Kiêu ist das Musterbeispiel der Tochter, die sich ohne Zögern für das Wohl ihrer Familie opfert.



Die Schichtung der Gesellschaft

Nach traditioneller vietnamesischer Auffassung gliedert sich die Gesellschaft in vier Stände, die hierarchisch geordnet sind.

Zuoberst finden wir die Gelehrten;
den zweithöchsten Stand bilden die Bauern;
als dritter Stand schließen sich die Handwerker an.
Zu unterst auf der Stufenleiter stehen die Händler.

Diese Ständeordnung mag, neben anderen, schon erwähnten Faktoren, erklären, warum die Chinesen in Vietnam den Handel monopolisieren konnten.

Unter den Vietnamesen betreiben oft Frauen ein Geschäft, während der Mann z.B. Staatsangestellter ist. Daher bildete die Frau, solange die marktwirtschaftliche Ordnung galt, einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor in Vietnam. Oft steuerte die Frau aus ihrem Geschäft den wichtigsten Teil des Familieneinkommens bei.

Interessant sind vor allem die beiden ersten Stände.

Dass die Bauern so hoch auf der gesellschaftlichen Stufenleiter stehen, ist außerordentlich und zeigt ihre Bedeutung in dem fruchtbaren Agrarland.

Über alles geschätzt wurde aber von jeher die Bildung, worunter eine fast ausschließlich literarisch-philosophische Bildung zu verstehen ist.

Schon seit Urzeiten bestand in Vietnam (wie in China) ein gut organisiertes Schulsystem, durch das entsprechend Begabte über mehrstufige Prüfungen bis zu den höchsten akademischen Graden gelangen konnten.

Diese Grade öffneten auch den Zugang zu den Staatsstellen.

Nur ein Gelehrter konnte Staatsbeamter (Mandarin) werden, und die Beamtenlaufbahn war die normale Karriere eines Akademikers.

Beamte trugen eine besondere Tracht, und noch in den siebziger Jahren konnte man in den Straßen Saigons pensionierten Beamten in der charakteristischen Mandarintracht begegnen.

Auch in Vietnam pflegte man indes von der Wissenschaft nicht reich zu werden, doch galt Wissen immer mehr als Reichtum.

Der arme Gelehrte, dem sein Wissen mehr wert ist, als seine volle Reisschale, ist ein erstrebenswertes Vorbild.

Viele Beamte studierten neben ihrer Arbeit noch weiter, um einen höheren akademischen Grad zu erreichen, obwohl bei den sehr tiefen Gehältern die erwartete Aufbesserung wirtschaftlich kaum ins Gewicht fiel. (...)



Wandel

Die rasche Entwicklung und die Wirren der letzten Jahrzehnte haben auch das traditionelle Gesellschaftsgefüge Vietnams erschüttert.

Doch sind viele Traditionen wenigstens in der Form noch erhalten und die grundlegenden Werte weitgehend lebendig geblieben. (....)


von Herrn Alber






Bemerkung von Pham thi Que Huong:
Trotz zahlreicher intensiver Nachforschungen konnte ich den Autor dieses Berichts nicht finden.

Ich hatte Fotokopien dieses Artikels von einem Vietnamesen vor zwanzig Jahren bekommen mit dem Hinweis, dass der Autor, ein Freund von ihm, "m o- x i- o - A n- b è -" heißt (so sagte er mir: es könnte Monsieur Albert sein )

Falls der Verfasser dieses Artikels diesen als seinen eigene erkennt, möge er sich bei mir melden und mir die Erlaubnis geben, diesen Text auf dieser Homepage zu veröffentlichen.



Gemälde von Cát Đơn Sa
Bilder von Juliane K.